steemit.com ist ein Webdienst. Und zwar einer, der zu der Sorte gehört, die ich mutmasslich niemals verstehen werde. Dennoch unternehme ich hier einmal den Versuch, ihn zu besprechen.

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Die (Block)chain. (Bild: anaterate/Pixabay, CC0)

Ich vermute, dass ich ihn nicht verstehen werde, weil Wikipedia hier schreibt, die «Grundidee würde Blog-Plattformen wie Reddit ähneln». Es ist eine Tatsache, dass ich in den letzten gut zehn Jahren immer wieder Versuche unternommen habe, Reddit zu verstehen. Leider ohne Erfolg. Klar, das theoretische Konzept leuchtet mir schon ein: Man kann dort irgendwelche Dinge einstellen. Da andere sie hochstufen und herabwählen können, sollte es so sein, dass die besonders interessanten Dinge ganz nach oben gelangen. So weit, so einleuchtend.

Nur ist Reddit leider (auch nach dem Rededign) so unübersichtlich, dass ich überhaupt noch nie jemals etwas gefunden habe, das mich nur ansatzweise interessiert – ich wüsste noch nicht einmal, wo ich anfangen sollte zu suchen. Klar, man könnte sich durch die Subreddits kämpfen, … aber da würde ich lieber die sprichwörtliche Stecknadel in einem echten Heuhaufen suchen.

Und ja, mir ist klar, dass es ein Nerdding ist. Aber hey, TIL dass ich nicht jedes Nerdding gut finden muss.

Also, Steemit funktioniert wie Reddit. Man kann als Nutzer Inhalte einstellen und mit seiner Stimme hochwählen. Der Unterschied ist, dass die Blockchain dazukommt – was irgendwie logisch ist, weil jeder Webdienst, der in den letzten zwei Jahren an den Start ging, irgendwie die Blockchain einbauen muss. Wie hier zum Beispiel Dock.io, was die Zukunft oder ein zukünftiger Flop sein könnte.

Diese Blockchain ermöglicht es, das System dezentral und verteilt aufzubauen, und «resistent gegen Zensur», wie es im White Paper heisst:

Steem is a decentralized network that is operated by witnesses in jurisdictions around the world. All user actions are publicly recorded on the blockchain, and can be publicly verified. This means that there is no single entity that can censor content that is valued by STEEM holders.

Individual websites such as steemit.com may censor content on their particular site, but content published on the blockchain is inherently broadcast traffic and mirrors all around the world may continue to make it available.

Kurz: Inhalte könnten zwar auf einer einzelnen Website wie Steemit.com zensuriert werden, doch Inhalte in der Blockchain wird übers Netz verteilt und mehrfach gespiegelt, was ihn unangreifbar macht.

Das klingt spannend, hilft allerdings nicht gegen die Selbstzensur – denn da man hierzulande entgegen der gelegentlich zu lesenden Meinung alles sagen und schreiben kann, wozu man den Mut hat, ist die Schere im Kopf jenes Instrument, das dafür sorgt, dass nicht ständig alle um uns auspacken und die anprangerungswürdigen Dinge ausbreiten, die sie in ihrem Unternehmen, in Vereinen, Organisationen, Parteien, Vorständen, Gemeinderäten und Kantinen so mitbekommen.

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Auch Steemit ist keine katzenfreie Zone.

Der zweite Ansatz ist ein eingebautes Währungssystem – auch das eine Parallele zu Dock.io. Die nennt sich STEEM (in Grossbuchstaben). Man kann als Nutzer investieren, indem man Geld während 13 Wochen der Plattform zur Verfügung stellt. Das nennt sich dann Steem Power (SP). Je mehr man davon hat, desto grösser ist der Einfluss, wenn man Inhalte hochwählt. SP kann nicht umgetauscht werden.

Die zweite Währung ist der Steem Dollar, der im Wert dem US-Dollar entsprechen soll und leicht gehandelt werden kann. Ein Umtausch sowohl in richtiges Geld als auch in andere Kryptowährungen soll möglich sein.

Man fragt sich nun, warum es auf dieser Plattform, auf der Inhalte kuratiert werden, überhaupt eine Kryptowährung braucht. Das wird im Blogbeitrag Steemit for Dummies erklärt:

Steemit pays both the content creators when their work gets upvoted, as well as the people who curate the best content on the site by upvoting others work.

Mit dieser digitalen Währung – die hoffentlich zu der aufstrebenden Sorte gehört – werden die Ersteller von Inhalten bezahlt: Wenn ein Beitrag hochgevotet wird, steigt dessen Wert bzw. das Honorar für den Autoren. Die Leute, die Inhalte entdecken und durch ihr Upvoting ans Licht der Öffentlichkeit bringen, erhalten ebenfalls einen Anteil.

Da STEEM eine digitale Währung ist, muss man kein Geld einzahlen, um loszulegen. Das Geld wird wie bei den fabulösen Bitcoins aus dem Nichts geschürft. Allerdings ist dieser Vorgang bei Steemit nicht zentral, er geschieht eher im Hintergrund:

With other cryptocurrencies like Bitcoin, the actual currency units that are created each day are distributed to the people who run a special bitcoin software program on their computers that perform a process called Bitcoin Mining. The amount of computing power you have dictates how much money you get.

Steemit allows for currency mining as well, but it’s not the primary way to earn money. Every day, new Steemit currency units that are created by the network and distributed to the people who engage with the site. The more you engage, the more you get.

Man kann also STEEM schürfen, doch der Vorgang passiert «im Netzwerk», und das Geld wird an die Nutzer verteilt, die mit steemit.com interagieren.

Das klingt nach einem publizistischen Perpetuum Mobile. Ich wage nicht zu sagen, ob das funktionieren kann oder ob das ein Kartenhaus ist, das nur darauf wartet zusammenzubrechen. Die Idee klingt verlockend: Autoren erhalten ihr Honorar, ohne dass es jemand bezahlen müsste. Kann so etwas ohne Paywall, Digital-Abo oder Mikropayment abheben? Der bodenständige Schweizer in mir lebt nach dem Motto, dass von nichts nichts kommt. Und der kriegt bei dieser Idee das nackte Grausen.

Doch es ist eben eine Tatsache, dass Kryptowährungen verblüffend gut funktionieren. Sie sind im Kern auch nicht unsinniger oder weniger bodenständig als das Geld, das im ganz normalen Geldsystem geschöpft wird. Bitcoin, Litecoin, Dogecoin, STEEM und Co. sind technischer, doch das Prinzip der Geldschöpfung ist in allen Fällen ein, sagen wir es vorsichtig, reichlich abstrakter Vorgang.

Fazit: Ich habe keinen Schimmer, ob ich mein Blog hier in die Tonne klopfen soll, um mit Steemit nun endlich die Einkünfte zu erzielen, die mir als engagiertem Blogger schon seit elf Jahren zustehen würden. Kann sein, dass das der Weg ist, wie Medieninhalte sich tatsächlich monetarisieren lassen. Genausogut ist es möglich, dass es irgendwann ein Übermass an Kryptowährungen gibt, dass Hyperinflation, Wertzerfall und die totale Ernüchterung die Folge sein wird – das kann genauso gut sein.

Darum werde ich erst einmal abwarten, die Sache verfolgen und hier im Blog weiterhin Bericht erstatten: Ich habe mir bei steemit.com ein Konto angelegt, dass allerdings noch im Limbo hängt. Als Neueinsteiger muss man nämlich erst einmal zwei Wochen abwarten, bis die Anmeldung bestätigt wird. Wenn man sofort mitmachen will, kann man Geld einwerfen – denn so ganz abgeneigt scheint man dem «richtigen» Geld dann doch nicht zu sein.

Update vom 12. Juli

Hansjuerg Wuethrich hat ausführlich mit Steemit experimentiert und der Plattform wieder den Rücken gekehrt. Seine aufschlussreiche Analyse lest ihr hier.