Bücher werden im Schnitt enorm hochwertig produziert. Hörbücher leider nicht. Gute Vorschläge für Audible und Co.

Im Beitrag So muss das moderne Buch habe ich mich darüber ausgelassen, dass die Bücherbranche sich schwer mit dem modernen Leser tut. Der hat nicht mehr die Zeit, sich aufs Sofa zu setzen, um seine Literatur zu geniessen. Er tut es unterwegs, beim Pendeln, bei der Hausarbeit oder beim Sport – auf jeden Fall oft multitasking-mässig und parallel zu anderen Tätigkeiten, die ihn intellektuell nicht sonderlich fordern.

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Soll ich mir das etwa alles merken? (Bild: Game of Thrones World Map and Cities/awoiaf.westeros.org/Wikipedia.org, CC BY-SA 4.0)

Das sollte nun, so finde ich, auch Auswirkungen darauf haben, wie Hörbücher produziert werden. Ich habe vor Jahren im Beitrag Audible, wie wärs mit Kapiteln? die oft deplorable Produktionsqualität angeprangert. Da habe ich kritisiert, dass manchmal noch nicht einmal die Titel richtig erscheinen, sondern unicodemässig verhunzt sind. Die Kapitel sind willkürlich gesetzt und nicht beschriftet. Und die begleitenden Informationen, die es bei gedruckten Büchern gibt, fehlen bei den Hörbüchern in aller Regel.

Mehr als acht Jahre nach dieser Kritik ist die Situation bei einem Punkt etwas besser: Falsch codierte Umlaute in Büchertiteln habe ich schon länger nicht mehr gesehen. Die Sache mit den Kapiteln ist aber keinen Deut besser geworden. Ich kann mich nicht erinnern, jemals ein Hörbuch gesehen zu haben, wo die Kapitel anders als mit «Kapitel 1» bis «Kapitel X» beschriftet gewesen wären. Manchmal stimmt die Nummerierung mit den Kapitelnummern überein, die der Sprecher ansagt. Oft aber auch nicht.

In einem richtigen Buch haben die Kapitel meistens schöne Titel. Diese Titel helfen einem bei der Orientierung und sie erlauben es, zu einer früheren Position zurückzuspringen. Das wäre gerade bei der erwähnten Multitasking-Nutzung von Hörbüchern wichtig. Da bin ich leider nicht immer so konzentriert, wie ich mir es wünschen würde. Es kommt vor, dass ich Details verpasse bzw. überhöre. Als geübter Hörbuchhörer kann man zwar meist gut abschätzen, wann man zurückspringen muss, weil man gerade etwas Wesentliches verpasst hat – so, wie man auch als erfahrener Leser merkt, welche Passagen man querlesen kann, weil nichts Relevantes für die Geschichte passiert.

Doch es passiert mitunter, dass man mit seiner Relevanzeinschätzung daneben liegt und hinterher eine entscheidende Wissenslücke hat. Bei Frank Schätzings Buch Die Tyrannei des Schmetterlings (Amazon Affiliate, hier besprochen) zum Beispiel habe ich verpasst, weswegen es in den Parallelwelten zu Zeitverschiebungen kommt. Ich nehme zumindest an, dass das mal erklärt worden ist und habe eine ungefähre Ahnung, an welcher Stelle im Buch dass das gewesen sein könnte. Aber ohne vernünftige Kapitelbezeichnungen ist es aussichtslos, die infrage kommenden Positionen aufzufinden.

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Danke, Audible, sehr hilfreich.

Ich habe bei Hörbüchern auch grössere Mühe als bei gedruckten Werken, mir die Namen der Personen zu merken. Das könnte daran liegen, dass sich das Schriftbild eines Namens besser mit der Figur in Verbindung bringen lässt – gerade dann, wenn es exotische Namen sind. Beispiel hier: Das hier besprochene Buch The Three-Body Problem (Amazon Affiliate): Die chinesischen Namen hörten sich für mich alle gleich an – und das ist nun keine Diskriminierung, sondern einfach meiner Unerfahrenheit mit chinesischen Namen geschuldet. Ich habe die Vermutung, dass ich die Namen beim gedruckten Buch hätte im Griff gehabt hätte – allein deswegen, weil man kurz innehalten kann, wenn das Auge auf einen unbekannten Namen trifft. Man nimmt sich die Zeit um zu überlegen, ob man den kennen müsste. Und man baut sich eine Eselsbrücke, wenn das sinnvoll und notwendig erscheint.

Beim Hörbuch ist das ungleich aufwändiger: Man muss anhalten und zurückspulen. Klar, oft hilft einem der Sprecher, indem er Personen charakteristische Stimmen verleiht. Das löst das Problem manchmal, oft aber auch nicht. Beispiel hier: Das im Beitrag Alöcher beiderlei Geschlechts besprochene Buch Sleeping Beauties (Amazon Affiliate) von Vater und Sohn King. Das hat, falls ich bei dieser Liste hier richtig gezählt habe, fast neunzig Figuren. Da braucht man verdammt viele Eselsbrücken und ein astreines Namensgedächtnis.

«Sleeping Beauties» in der gedruckten Form hat offenbar ein Verzeichnis der Figuren. Das gibt es beim Hörbuch nicht. Bei den Hörbüchern fehlen auch die sonstigen Orientierungshilfen, die es bei komplexen Werken häufig gibt: Karten, Fussnoten, Querverweise, Illustrationen; und was auch immer. Das macht das Verständnis für den Hörbuchhörer schwieriger.

Worauf ich hinaus will: Da Hörbücher oft multitaskingmässig konsumiert werden, ist es im Vergleich zum gedruckten Buch schwieriger, der Geschichte zu folgen. Ich will nun nicht so weit gehen, um zu fordern, die Autoren müssten dem Rechnung tragen und mehr Redundanz einbauen oder gar die Geschichten zu vereinfachen, sodass man problemlos gleichzeitig Sudoko Spielen und Bücher hören kann (obwohl ich das manchmal tue und es erstaunlich gut funktioniert).

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Da ginge noch mehr. (Bild: sik-life/Pixabay, CC0)

Nein, die Bücher sollen so bleiben, wie sie sind. Aber die Ausstattung der Bücher muss besser werden. Verständnishilfen müssen auch beim Hörbuch einfach und schnell verfügbar sein. Was spricht dagegen, eine Personenliste und Karten als PDF mitzuliefern? Klar, man könnte das auch nebenbei googeln. Aber bei weniger bekannten oder brandneuen Büchern wird man nicht fündig. Und man will und kann oft nicht im Internet herumfuhrwerken, während man Hörbücher hört. So weit geht die Liebe zum Multitasking doch nicht.

Natürlich ginge es auch eleganter: Die Hörbuch-App könnte Fussnoten, Personenbeschreibungen und ähnliches dynamisch anzeigen, so wie das im Kontext gerade sinnvoll ist. Bei Filmen sind zeitgesteuerte Untertitel schliesslich auch keine Hexerei. Bei Whispersync verbindet Amazon Hörbuch und Ebook schon seit längerem. Über die synchronisierte Leseposition kann man von einem Medium zum anderen wechseln. Und auch wenn ich verstehe, dass Amazon mit dem Hörbuch nicht auch gleich noch das Ebook verschenken will (obwohl man die Position vertreten könnte, dass das auch ganz okay wäre), würde es Whispersync möglich machen, in der Hörbuch-App den Text anzuzeigen. Und vor allem wäre auch eine Volltextsuche im Hörbuch möglich. So lange das Ebook selbst nicht greifbar ist, würde Amazon durch diese Funktion auch nichts verloren gehen.

Eine Volltextsuche im Hörbuch – klingt extravagant, wäre aber enorm hilfreich, gerade, wenn man den Faden verloren hat.

Fazit: Gedruckte Bücher sind nicht immer, aber sehr oft äusserst liebevoll produziert. Hörbücher ihrerseits werden zwar oft äusserst toll gesprochen, doch auf der technischen Ebene sind sie keine Glanzleistungen. Es gibt sehr viele unausgeschöpfte Möglichkeiten, dem Hörer das Verständnis zu erleichtern und das Erlebnis mit dem Buch zu intensivieren. Und man könnte auch Leuten wie mir helfen: Ich bespreche die Bücher hier im Blog anhand der Hörbuchfassungen. Das ist schwieriger, weil ich nicht so einfach wie bei den gedruckten Büchern oder gar den Ebooks Notizen nehmen kann. Auch da gibt es Verbesserungspotenzial.