Seit zweieinhalb Jahren sorgen die in den Beiträgen Patentrezept-Videos die in den Beiträgen Mehr Licht! und Das grosse Geständnis: ich verwende Selfie-Sticks beschriebenen Qudos von Knog für Erhellung. Beziehungsweise, um genau zu sein: Sie sorgen für die Erhellung der Szene. Was meinen Geist angeht, muss ich leider nach wie vor auf die altmodische und anstrengende Art (mittels Denken) für Erleuchtung sorgen.

190514-rotolight-neo-2-1.jpg
So hell wie die Sonne ist es nicht.

Die Qudos bewähren sich. (Abgesehen von dem Zwischenteil, mit dem man sie aufs Stativ schraubt. Das ist bei beiden fast gleichzeitig gebrochen.) Auf Dauer haben sich aber zwei Probleme gezeigt. Erstens: Da die kleinen Lampen batteriebetrieben sind, geht ihnen unter Umständen vorzeitig das Licht aus, wenn sich die Dreharbeiten in die Länge ziehen. Ich muss in so einem Fall mit dem vorhandenen Licht auskommen oder warten, bis die vorhandenen Akkus aufgeladen sind.

Zweitens: Die Helligkeit. Ich drehe die Videos an meinen Küchenfenster. Das ist eine denkbar ungünstige Situation. An sonnigen Tagen habe ich es mit krassem Gegenlicht zu tun, das nur schwer zu bändigen ist. Dieses Problem hat sich verschärft, seit ich die Videos an einem Tag produziere: Da bin ich meistens so um den Mittag herum bereit, die Szenen vor der Kamera aufzunehmen. Bis vor einem Jahr war es so, dass ich die Produktion auf zwei Tage aufgeteilt hatte und dann entweder abends oder morgens gedreht habe und es mit viel weniger hellem Licht zu tun hatte.

Nun könnte man das erste Problem mit Ersatzakkus lösen – oder mit Geduld, indem ich einfach warte, bis die Akkus wieder aufgeladen sind. Aber Akkus bereitzuhalten, ist umständlich. Und der Zeitplan für längere Pausen zu knapp. Das zweite Problem liesse sich beheben, indem ich die Videos in einem anderen Raum drehe. Aber das Küchenfenster hat sich produktionstechnisch bewährt. Und so lange ich die Fenster nicht komplett dichtmache und ganz auf Kunstlicht setze (was ich nicht tun möchte), bleibt das Problem in abgemilderter Form bestehen, selbst wenn ich nicht direkt gegen das Fenster filme.

Darum habe ich mich nach einer Lampe umgeschaut, die Netzbetrieb erlaubt und zur Not auch gegen die Sonne anstinkt. Um die Pointe vorwegzunehmen: Ersteres tut sie, letzteres nicht. Wie man bei Wikipedia nachlesen kann, ist die Sonne an einem wolkenlosen Tag wahnsinnig hell. Auch hier wird beschrieben, dass man es im Sommer im Schatten mit 10′000 Lux zu tun bekommt, der Beleuchter im Fernsehstudio aber typischerweise nur einen Zehntel davon, 1000 Lux, einsetzt.

Das zeigt, wie hoch die Hürde liegt. Mit Dauerlicht gegen die Sonne anzukommen, wäre im Vor-LED-Zeitalter nur mit krassem Stromverbrauch möglich gewesen. Mit LED-Lampen muss man nicht mehr Tausende von Watt verheizen. Aber eine angenehme Lösung ist es auch so nicht – ich müsste mich derartig gleissend anstrahlen lassen, dass ich nur noch mit Sonnenbrille oder zusammengekniffenen Augen vor der Kamera sässe. Die vernünftigste Lösung wäre ein Greenscreen, über den das Live-Bild von meiner Fensteransicht eingestanzt wird. Das ist mir aber zu viel Aufwand. Darum habe ich mich entschieden, das manchmal zu helle Aussenlicht nicht als Bug, sondern als Feature anzusehen: Auch wenn es in meinen Videos um Technik geht, steuert die Natur eine künstlerische Note bei, die ich nicht unter Kontrolle habe.

Die Lampe, mit der ich es probiere, ist das Rotolight Neo 2 (Amazon-Affiliate; in der Schweiz bei schweizervideo.ch erhältlich). Das lässt sich mit Netzstrom und sechs AA-Batterien betreiben, was mir mehr Flexibilität gibt. Es ist von 0 bis 100 Prozent dimmbar. Und man kann die Farbtemperatur von 3150 bis 6300 Kelvin verstellen. Mir ist zwar bis jetzt keine Situation eingefallen, wo ich nicht die typischen 5500 K des Tageslichts würde verwenden wollen. Aber wie es manchmal so geht: Wenn man die Möglichkeit hat, fällt einem irgendwann auch ein, wie man sie nutzen könnte.

190514-rotolight-neo-2-2.jpg
An zwei Rädchen, die auch als Knöpfe fungieren, stellt man nicht nur Lichttemperatur, sondern auch Helligkeit ein und startet die diversen Spezialmodi.

Abgesehen davon ist das Neo 2 ein interessanter Hybrid zwischen Dauerlicht und Blitzlicht. Beim Blitzen ist die Lampe fünfmal so hell wie im Dauerlichtbetrieb. Man kann sie aufgesteckt oder drahtlos mit der Fotokamera und mit einer minimalen Synchronisationszeit von einer 8000stel-Sekunde verwenden. Für den drahtlosen Betrieb ist ein Elinchrom Skyport-Blitzempfänger eingebaut. Damit zu spielen, hatte ich noch keine Gelegenheit. Aber auf alle Fälle eröffnet sich ein Tummelfeld der Möglichkeiten.

Wie man im Handbuch nachlesen kann, beherrscht das Neo 2 auch im Dauerlichtmodus einige Tricks: Man kann das Licht automatisch dimmen, wenn man keine Lust hat, die Schwarzblende in der Schnittsoftware hinzuzufügen – vielleicht, weil man Lars von Trier heisst und die Dogma-Idee auf die Spitze treiben will. Wobei… bei den Dogma-Filmen ist gar keine Beleuchtung erlaubt. Es ist mit dem Neo 2 auch möglich, Blitze, Feuer, Schüsse, ein Blaulicht, einen Fernseher und ähnliche Dinge zu simulieren. Und auch da gilt: Ich habe das leise Gefühl, dass ich schon bald einen Geistesblitz haben werde, wie sich das nutzen lässt.

Fazit: Der Netzbetrieb ist ein echtes Plus und aufs Experimentieren freue ich mich. Da die Befriedigung meines Spieltriebs nicht zu den Kernaufgaben dieses Gadgets gehört, hätte ich mir auch einfach nochmals zwei Qudos kaufen können, dann hätte sich auch die Akkusituation entschärft. Aber das wäre kein kreativer Weg gewesen.

Und echt eine Erleichterung ist, dass beim Neo 2 vier Filterscheiben mit dabei sind, unter anderem zwei Diffusoren. Da die Qudos recht harte Schatten produzieren, habe ich, wenn die arg gestört haben, jeweils die Diffusorscheibe meines Blitzes davorgeklebt. Das ist jedoch eine schlimme Bastelei, und ausserdem ist die Scheibe nicht für Dauerlicht optimiert. Das Standard-Filterpaket (Strong Full Diffusion, Half Diffusion, Cosmetic Peach und 1/8th Magenta bzw. Minus Green) kommt mir sehr entgegen – ich werde für mich natürlich immer den Cosmetic Peach verwenden!

Was nun die Lichtstärke angeht, kann man die Spezifikationen leider nicht direkt vergleichen. Die Qudos geben laut Hersteller maximal 400 Lumen ab, das Neo 2 produziert 2000 Lux bei 3 Fuss. Das eine ist, falls ich das richtig verstanden habe, die gesamte Lichtproduktion, das andere das Licht, das in einer bestimmten Distanz auf einer vorgegebenen Fläche ankommt – und das lässt sich nur bedingt umrechnen. Aus dem Bauch heraus würde ich sagen, dass die Qudos in meiner bevorzugten Einstellung noch etwas heller strahlen – aber eine wissenschaftliche Aussage ist das nicht.