Um Toon Blast (kostenlos für iPhone/iPad und für Android) komme ich in meiner Suche nach dem Spiel, das nach dem Ende einer Ära die Clickomania-Fackel weiterträgt, nicht herum. Das ist ein Spiel, das im Kern die alte Spielidee verwendet: Es gibt ein Feld mit verschiedenfarbigen Klötzchen. Wenn sich zwei oder mehr Klötzchen der gleichen Farbe berühren, kann man sie antippen, worauf sie verschwinden und die darüberliegenden Klötzchen in die Lücke rutschen.

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Links: Das Ziel ist, 25 Kisten zu sammeln. Die erhält man aber als «Kollateralschaden».
Rechts: Der verflixte 60. Level – die Glühbirnen im linken unten Quadranten, dazu Ballone und Blasen!

So weit, so gut. Das Spiel stellt nun aber eine interessante und durchaus «moderne» Weiterentwicklung dar. Ein «modernes» Smartphone-Spiel stellt nicht einfach nur Partien zur Verfügung, so wie das z.B. Solitär bei Windows tut. Nein, es inszeniert das Spiel mit viel Pipapo, so wie Microsoft Solitaire Collection. Und das tut auch Toon Blast. Hier die Liste mit den Eigenschaften, die das Spiel eben «modern» machen:

  • Bonuswaffen. Je grösser die Gruppe der mit einem Zug beseitigten Steine, desto mehr Punkte gibt es bei Clickomania. Bei Toon Blast erhält man ab einer gewissen Gruppengrösse eine instant gratification in Form eines besonderen Spielsteins: Für fünf gleichfarbige Steine die Rakete, die Reihen horizontal oder vertikal leerfegt. Für sieben gleichfarbige Steine erhält man die Bombe, die im Umkreis von einigen Steinen aufräumt. Für eine Neuergruppe wird man mit der Discokugel belohnt, die Steine der gleichen Farbe eliminiert. Diese lassen sich noch verstärken: Zwei Bomben nebeneinander ergeben eine Superbombe, etc.
  • Levels. Diese führen den Neuling sanft an die Spielweise heran und erhöhen dann zunehmend den Schwierigkeitsgrad.
  • Unterschiedliche Spielziele. Jeder Level variiert das Spielziel: Bei Clickomania musste man das Feld leerräumen. Hier geht es darum, mit einer Maximalzahl von Zügen eine bestimmte Anzal von Steinen einzusammeln. Das können Spielsteine einer bestimmten Farbe oder aber Spezialsteine sein.
  • Spezialsteine. Sie haben bestimmte Eigenschaften: Kisten verschwinden nur, wenn ein Stein nebendran weggetappt wurde. Glühlampen funktionieren ähnlich, müssen aber zweimal durch eine benachbarte Explosion betroffen sein, um zu verschwinden. Farbige Ballone verschwinden nur, wenn benachbarte Steine der gleichen Farbe verschwinden. Blasen überlagern farbige Steine und verschwinden nur, wenn der darunterliegende Stein entfernt wurde. Die Piñata kann nur (mit einer Bombe oder Rakete) weggesprengt werden. Die Gomfiklötzchen breiten sich aus, wenn man sie nicht eindämmt. Und so weiter.
  • Spielfeld. Die Ausgangslage, also die anfängliche Anordnung der Klötzchen ist mit jedem Level anders. Oft sind die nicht direkt spielbaren Steine wie Kisten oder Ballone so platziert, dass man sie erst wegräumen muss, bevor man das eigentliche Spielziel in Angriff nehmen kann. Das erfordert eine Anpassung der Spielweise und man muss unter Umständen erst Bonuswaffen freispielen, um überhaupt effizient ans eigentliche Ziel herangehen zu können.
  • Booster. Der Hammer zerschmettert einen einzelnen störenden Spielstein. Der Amboss pflügt eine ganze Spalten leer, der Boxhandschuh eine Reihe und der Würfel mischt alle Steine neu.
  • Limitierte Zahl von Spielzügen. Hat man die Zahl der vorgegebenen Spielzüge erreicht, kann man gegen Münzen weitere fünf Züge kaufen. Danach gibt es wiederum eine Verlängerungsmöglichkeit, aber der Preis steigt.
  • Beschränkte Leben. Wenn man an einem Level scheitert, verliert man ein Leben. Alle 25 Minuten gibt es ein neues Leben, was typischerweise dazu führt, dass man sie schneller verbraucht als erhält. Hat man seine Leben aufgebraucht, muss man abwarten, mit seinen Münzen neue Leben kaufen oder in der Community nach Leben fragen.
  • Belohnungen. Abhängig von der Punktzahl am Ende eines Levels erhält man eine, zwei oder drei Münzen. Hat man ein bestimmtes Level oder eine bestimmte Zahl von Münzen erreicht, gibt es Truhen, die wiederum Booster oder Münzen enthalten oder den Bestand an Leben auffüllen.
  • In-App-Käufe. Via Store gibt es für echtes Geld zusätzliche Leben, mehr Booster oder aber Münzen.
  • Community Man kann sich einem Team anschliessen und sich dort an die Spitze arbeiten. Es ist auch möglich, die Teammitglieder um Leben zu bitten, wenn man seine aufgebraucht hat.
  • Branding. Das Spiel operiert mit vielen Animationen und Bildern aus dem, falls ich mich nicht irre, Looney Tunes-Universum.

Es zeigt sich: Wenn man das so aufdröselt, ist ein scheinbar simples Spiel im Vergleich zu Clickomania recht komplex: Man sieht ausgeklügelte Mechaniken wie die Levels, um neue Spieler möglichst schnell zu binden. Da sind natürlich die Levels. Sie sind dazu da, anfänglich mit der Spielmechanik vertraut zu machen und die Lektüre einer Hilfedatei (bei Clickomania noch integraler Bestandteil des Spielvergnügens) überflüssig zu machen.

Nach der Einstiegsphase geht es bei den Levels dann darum, relativ zügig den Schwierigkeitsgrad erhöhen. Das hat natürlich zum Ziel, den Spieler dazu zu verleiten, im Store Geld liegen zu lassen. Das funktioniert am besten, wenn man ihn an einem schwierigen Level auflaufen lässt und ihm diverse Strategien (wie Booster, Spielverlängerungen, Leben) anbietet, um weiterzukommen. Das erfordert eine feine Austarierung, damit sich der Spieler nicht abgezockt vorkommt: Free-to-Play-Mechanismen haben nur ihre Berechtigung, wenn auch ein zahlungsunwilliger Freeloader auf seine Rechnung kommt.

Den Spieler absichtlich warten zu lassen, weil er seine Leben aufgebraucht hat, ist IMHO eine Verletzung dieser Regel: Ich halte das für eine fiese Masche, die mich jeweils dazu bewegt, für ein Spiel überhaupt nie Geld auszugeben, sondern die Wartezeit mit einem anderen Spiel zu überbrücken. Immerhin gibt es bei Toon Blast die charmante Möglichkeit, andere um Leben zu bitten – das macht es ein bisschen besser.

Abgesehen von diesem No-Go finde ich Toon Blast einigermassen fair: Man kommt auch als zahlungsunwilliger Spieler über die Runden, auch wenn manche frustrierende Level zwischendurch den offensichtlichen Zweck verfolgen, einen zum Impulskauf im App Store zu bewegen. Aber da kann man sich auch immer anders behelfen.

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Links: Im Team kann man chatten und sich Leben zur Verfügung stellen.
Rechts: Und natürlich der Shop, wo man als «Champion» (not) auch einen Hunderter liegenlassen kann.

Noch etwas Kritik an den Levels. Sie bringen zwar Abwechslung in die Sache. Aber sie erschweren es auch, eine strategische Spielweise herauszuarbeiten und wirklich gut darin zu werden, was der eigentliche Spass bei Clickomania war: In Mustern zu denken, künftige Steinkonstellationen vorauszusehen oder auch Reaktionsschnelligkeit zu trainieren.

Die Bonuswaffen, a.k.a. instant gratification-Spielsteine halte ich hingegen für eine klevere Idee, die Spass macht. Und sie gibt dem Zusammenführen gleichfarbiger Steine zu möglichst grossen Gruppen einen zusätzlichen, strategischen Sinn: Man tut es nicht nur, um mehr Punkte zu erhalten, sondern auch, um sich mittels Bombe, Rakete oder Discokugel aus einer kniffligen Situation zu befreien.

Fazit: Ein alles in allem gelungenes Spiel, das nicht zufällig im Moment sehr populär ist. Auf das Looney Tunes-Branding hätte ich verzichten können – das ist mir etwas zu kindlich. Aber meine Tochter hat Spass am Bären, und das ist ja auch etwas.

Update

Es fällt auf, dass es noch andere Spiele mit dem genau gleichen Spielprinzip gibt. Siehe dazu Wer hat hier von wem abgekupfert?.