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Heute kommt er, der neue Browser von Firefox: Version 57, alias Quantum. Und natürlich möchte man hier stehende Wendung vom Quantensprung ins Spiel bringen. Mir hat das leider die Floskelwolke (Seine Schreibe entfloskeln) verdorben: Die Besserwisser dort haben darauf hingewiesen, dass man es bei dieser Floskel mit subatomaren Grössenordnungen zu tun bekommt und das die korrekte Assoziation also «winzig» und nicht «riesig» ist. Ich weiss nicht, ob das wirklich stimmt, zumal Wikipedia die Redewendung so herleitet, dass die Entdeckung des physikalischen Phänomens eine riesige wissenschaftliche Erkenntnis war, die damals alte Gewissheiten zum Einstürzen brachte. Darum bleibt hier offen, ob es sinnvoll war, dem neuen Browser dieses Label überzustülpen. Gut kling es jedenfalls.

Also, zurück zum Thema: Ich habe Firefox 57 mit Bangen entgegengeblickt. Und auch heute noch bedauere ich es sehr, dass Tausende toller Add-ons nicht mehr nutzbar sind. Das ist ein herber Verlust für die Community. Aber es scheint so zu sein, dass die meisten Leute keine Erweiterungen nutzen – das zeigt auch eine komplett unrepräsentative Umfrage in meinem Bekanntenkreis. Darum hatte die Mozilla-Stiftung die unschöne Güterabwägung zu treffen, ob sie sich an der breiten Masse oder an den eingefleischten Nutzern orientiert. Für die breite Masse würde man zu Gunsten des Tempos und der Sicherheit alte Zöpfe abschneiden. Für die Poweruser müsste man die Rückwärtskompatibilität aufrecht erhalten. Bei diesem Dilemma gibt es keine richtige Lösung, sondern nur die Frage, wer sich wohl eher zu helfen wissen wird.

Und da ist es natürlich so, dass ein Poweruser in der Lage sein müssten, auf die neue Lage einzustellen. Und das ist auch der Fall, wie mein eigenes Beispiel (in aller Bescheidenheit) zeigt. Ich habe die wesentlichen Erweiterungen ersetzen können, wie hier, hier und hier besprochen. Und auch in Sachen Boomerang for GMail (Mails im richtigen Moment versenden) habe ich gute Nachrichten. Das ist nach einem Update nun kompatibel zu Firefox Quantum.

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Dezente Optik, schnelle Seitendarstellung.

Natürlich ist die Frage, ob die Poweruser gewillt sind, sich neu zu orientieren. Das hängt von der Loyalität ab, die bei den Leuten, die Firefox noch die Stange halten, recht hoch sein dürfte. Denn Firefox hat es uns in letzter Zeit nicht einfach gemacht. Der Browser wurde träger und träger, weil die Mozilla Stiftung auch Unsinn eingebaut hat. Beispiel: Firefox Hello. Die Videochat-Funktion ist zum Glück auch wieder verschwunden. (Es gibt auch Funktionen, denen ich nachtrauere, zum Beispiel die hier vorgestellten und im Januar 2016 entfernten Reitergruppen.)

Das Ziel darf jedenfalls nicht sein, den Browser immer vielseitiger zu machen – das führt unweigerlich zu Blähware. Ein Browser muss flink und schlank sein, möglichst nicht abstürzen, mit sehr vielen offenen Reitern problemlos zurechtkommen und auch nicht hängen, wenn bei irgend einer geöffneten Seite ein Script Amok läuft. Darum war die mit Firefox 54 eingeführte Electrolysis-Funktion ein Schritt in die richtige Richtung: Die verwendet bis zu vier Prozesse, auf die die Websites verteilt werden. Komplexe Websites werden ausgelagert und sollten die anderen nicht mehr ausbremsen. Und gefühlt ist Firefox seit dem August und der Einführung der Multi-Prozess-Architektur stabiler geworden.

Fazit: Firefox ist gefühlt schneller und auch bei der Stabilität sind Fortschritte zu verzeichnen. Doch ob das hilft, die zu Google Chrome abgewanderten Nutzer zurückzugewinnen, bleibt offen. Ich plädiere im Video dafür – denn bei Googles dominanter Rolle im Netz ist es völlig okay, einen Bogen um Chrome zu machen. Die Mozilla-Stiftung will ein Internet für Menschen, nicht für Profit. Und als gemeinnützige Organisation ist sie glaubwürdig genug, dieses Ziel zu vertreten. Darum hier der Aufruf: Gebt Firefox eine (zweite/neue) Chance – hübscher als Chrome ist er allemal.