Das Video beim Tagesanzeiger.

Schon ist wieder alles anders: Wir haben uns eben daran gewöhnt, beim iPad eine zweite App vom rechten Rand hereinzuwischen. Da kommt iOS 11 auf uns zu; wo das nicht mehr funktioniert: Da zieht man ein App-Icons an den rechten Rand, wenn man zwei Apps parallel benutzen möchte.

Wenn man gelernt hat, wie es funktioniert, dann ist das einigermassen praktikabel. Und sicherlich stringenter als die mit iOS 9 eingeführte Methode. Aber dass Apple eine so zentrale Funktion nun schon wieder komplett umbaut, ist ein klares Indiz, dass man in Cupertino das Ei des Kolumbus (bzw. das Patentrezept) nicht gefunden hat. Stattdessen probiert man eine Methode, verwirft sie wieder und versucht es mit etwas anderem. Das ist das Prinzip von Versuch und Irrtum. Das hat seine Berechtigung – aber es wirkt eben nicht sonderlich souverän. Und es ist der Beweis dafür, dass Apple keine Vision hat, wie das iPad vom Desktop abzugrenzen wäre. Denn wie ich im Video sage: Dass nun Drag&Drop Einzug hält, ist schwer als Fortschritt zu verkaufen.

Denn Drag&Drop gehört zu den «Ur-Techniken» des PC. Wenn man diesem Text hier glauben darf, hat Jef Raskin das Drag&Drop (ursprünglich Click&Drag) erfunden. Das stammt vom Ur-Macintosh und ist damit eine Vorzeige-Funktion der Mausbedienung und des PC.

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Drag&Drop einer App an den rechten Rand. Beim Ur-Mac war das irgendwie komfortabler.

Klar, nun kann man zur Erkenntnis gelangen, dass Drag&Drop eine so universelle Funktion ist, dass man an den Touch-Geräten nicht drauf verzichten kann. Mag sein. Dann hätte eine weniger von Versuch und Irrtum getriebene Vorgehensweise wahrscheinlich Force Touch (bzw. 3D Touch) miteinbezogen. Ich könnte mir beispielsweise gut vorstellen, ein Objekt am Bildschirm durch Force-Touch in den Drag-Modus zu versetzen. Um das im Video gezeigte Beispiel aufzugreifen, bei dem zwei Apps nebeneinander gestellt werden:

Man könnte mit Force Touch App A in den Drag-Modus versetzen und sie quasi «in der Luft hängen» lassen. Dann startet man App B und wendet sich wieder App A zu, die man nun aus ihrer Warteposition an den rechten Rand zieht. Aber auch Force Touch wurde dem System nachträglich übergestülpt – es wird mal so und mal anders verwendet. Eine klare, eindeutige Funktion – zum Beispiel «Klicken und halten» bei der Mausbedienung – würde helfen.

Aber es ist ja nicht Drag&Drop und Force-Touch, die rechts und links am System angeflanscht werden, ohne dass die Touch-Bedienung global bzw. universell gedacht würde. Es ist auch das iPad selbst, das seine Rolle nach wie vor nicht gefunden hat. Drag&Drop soll es professioneller machen und Dinge ermöglichen, die man sonst nur mit dem Laptop/Desktop tun kann. Aber für diese Dinge gibt es schon den Laptop/Desktop – es bringt nichts, einem Gerät Fähigkeiten beizubringen, die ein anderes Gerät schon hat. Zumal Drag&Drop mit der Maus im Vergleich eleganter und einleuchtender Funktioniert. Wie gesagt: Es ist kein Fortschritt, ein Tablet dahin zu prügeln, wo der PC seit zwanzig (oder bald dreissig) Jahren schon ist.

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Das Kontrollzenter sieht auch in jeder iOS-Version wieder komplett anders aus.

Auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole: Microsoft macht es schlauer. Windows als universelles System, das auf jeder Gerätegrösse die passende Rolle einnimmt, ist der bessere Weg. Wenn man Aufgaben erledigt, die Drag&Drop erfordern, dann verwendet man sein Gerät als Laptop und bedient es mit Maus oder Trackpad. Wenn Touch die beste Bedienungsweise ist – weil man beispielsweise malen oder zeichnen will – dann versetzt man es in den Tablet-Modus und nutzt vielleicht sogar einen Stift. Und wenn man unterwegs ist und gar keine Hand frei hat, dann ist die Sprachsteuerung optimal.

Aber gut: Ich bin gewillt, mich auf das Drag&Drop-Abenteuer einzulassen – vielleicht überzeugt es mich ja. Dennoch finde ich es zumindest ironisch, dass mit iOS 11 nicht nur Drag&Drop Einzug hält, sondern auch die Dateien-App immer mehr zum Finder aufgebort wird. Keine Dateien, kein Dateisystem! Das war das grosse Plus von Apples Mobilgeräten: Es sei so viel einfacher, wenn man sich nicht mit Ordnern, Ablagen und Speicherorten herumschlagen müsse. Die Dokumente sind in der App. Mehr musste man als User nicht wissen.

War das nun eine Fehlannahme? Oder gibt sich Apple einfach nicht genügend Mühe, die Sache weiterzudenken? Ich tendiere zu letzterem. Ich denke, es wäre an der Zeit für ein System, das mit digitalen Objekten operiert, das als Datenbank aufgebaut ist und das mit Informationseinheiten arbeitet, die flexibler, vielfältiger und besser sind als eine simple Datei. Es bräuchte nun einen echten Visionär, der eine Vorstellung davon hat, wie sich Informationen auf einem Mobilgerät des 21. Jahrhunderts intelligent, flexibel und vorausschauend organisieren – und davon ist bei Apple weit und breit nichts zu sehen.