Nach Beendigung des hier angefangenen Unterfangens ging es mir wie vielen: Ich hatte eine Leere zu füllen und neue Hörbücher zu besorgen.

Ich habe mir daher The Cuckoo’s Calling (Amazon Affiliate), zu Deutsch Der Ruf des Kuckucks (Amazon Affiliate). Es handelt sich um eine Detektivgeschichte von Robert Galbraith, der eigentlich kein Mann ist, sondern eben die famose J.K. Rowling.

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Die BBC verfilmt die Bücher mit Holliday Grainger und Tom Burke1 als Robin Ellacott und Cormoran Strike (Bild: BBC)

Der Held dieser Geschichte ist Cormoran Strike. Er ist ein Afghanistan-Veteran, der mit seiner Figur eines Schwergewichtsboxers zwar optisch nicht an den mutigen Jungzauberer erinnert, aber wie dieser körperlich versehrt ist: Seine Narbe auf der Stirn ist das fehlende Bein, das er bei seinem Afghanistan-Einsatz verloren hat. Und seine Assistentin ist Robin Ellacott, die so klug und gewitzt ist wie Hermione Granger.

… nein, Quatsch. Man kann diese Parallelen zwar ziehen, aber man muss nicht. Im Gegenteil, sie sind im Grunde ungerecht. Rowling spielt zwar die Stärken aus, die Potter-Fans wie ich schon bei ihrem siebenteiligen Hexenwerk schätzen gelernt haben. Aber die Geschichte von der Ermordung der jungen und schönen Lula Landry funktioniert für sich und eigenständig genug. Und ich finde es bemerkenswert, dass J.K. Rowling sie unter einem Pseudonym veröffentlicht hat: Offensichtlich wollte sie nicht von ihrem Ruhm profitieren, sondern ein eigenständiges Publikum gewinnen. Laut Wikipedia ist Rowling wegen eines Twitter-Leaks aufgeflogen.

Also: Cormoran Strike ist, wie es sich gehört, am Anfang der Geschichte ziemlich am Ende. Seine Freundin Charlotte hat ihn gerade auf die Strasse gesetzt. Seine Detektei ist kurz davor, den Bach runterzugehen. Und der erste Kontakt mit seiner neuen, von einer temporären Arbeitsvermittlung geschickten Sekretärin mehr als ein Faux-pas, indem er Robin Ellacott aus Versehen grob an die Brust greift. Doch dann taucht zum Glück John Bristow auf, der mit viel Geld und einem spannenden Fall winkt. Das Supermodel Lula Landry ist gemäss dem Befund der Polizei in den Tod gesprungen, doch glauben mag Adoptivbruder John das nicht. Darum wird Cormoran Strike, ein Jugendfreund von Johns totem Adoptivbruder Charlie auf den Fall angesetzt – der sich erst weigert, aber es sich in seiner finanziellen Situation nicht leisten kann, den lukrativen Job auszuschlagen.

Strike macht sich also daran, die Fäden aufzudröseln: Er befragt das Sicherheitspersonal von Landrys luxuriöser Absteige, ihren Fahrer und den Freundeskreis. Der besteht einserseits aus Reichen und Schönen, andererseits aus Abgewrackten und vom Leben Gezeichneten. Lula war auf der Suche nach ihrem Vater und ihrer Identität. Und es ergeben sich tatsächlich Ungereimtheiten. Da ist zum Beispiel Tansy Bestigui, die Nachbarin. Sie behauptet, einen Streit mitangehört zu haben, obwohl das aufgrund der Schallisolierung der Wohnungen gar nicht möglich ist. Weil sie eine offensichtliche Koksnase ist, hat die Polizei ihre Aussage geflissentlich ignoriert. Doch weil sie vehement darauf besteht und auch sonst nicht alles aufgeht, hat Strike keine Wahl, als sich als echte Spürnase zu beweisen.

Wie gesagt, auch in diesem Buch stellt Rowling ihre Stärken unter Beweis: Der Plot ist ausgefeilt genug, um einen bei der Stange zu halten. Die Figuren sind sympathisch, auch die Bösewichte. Und die Beschreibungen haben Kopfkinoqualität – die Passage, wo Cormoran Strike den Modeschöpfer Guy Somé, Lulas Model-Freundin Ciara Porter und Lulas Exfreund Evan Duffield besucht, ist so überzeugend und lebensecht, wie ich gerne alle meine Thriller hätte. Und was mir bei Evan Rowling sowieso immer gefällt, ist der unterschwellige Humor. Da fühle ich mich einfach sofort zu Hause.

Was den Stil angeht, spürt man das Bemühen, sich von Potter abzusetzen – schliesslich hat Stephen King über Rowling gesagt, sie hätte noch nie ein Adverb angetroffen, das sie abgetörnt habe. (Allerdings hat King auch gesagt, Rowling habe selbst sieben Horcruxes geschafen und einen Teil ihrer Seele in jedes Buch gepackt. Ein grösseres Kompliment kann man nicht bekommen.)

Es gibt in diesem Buch tatsächlich weniger Leute, die ihre Aussagen happyly, angrily oder calmly machen, aber die Freude an Alliterationen und schrägen Figurennamen ist ungebrochen. Aber das ist nichts schlechtes – und ich finde gedrechselte Formulierungen sowieso nur dann gut, wenn sie der dichten erzählerischen Atmosphäre förderlich sind.

Fazit: Die grösste Schwäche des Buches liegt darin, dass eine Detektei in London in Vergleich zur Hogwarts School of Witchcraft and Wizardry ein einigermassen unorigineller Schauplatz ist. Und nach dem gelungenen Auftakt hat die Story gewisse Längen. Aber sei es drum. Ich werde auch die anderen Bücher der Reihe verschlingen…

Footnotes

  1. Der, unter uns gesagt, mehr nach Potter ausschaut, als ich ihn mir aufgrund der Beschreibung im Buch vorgestellt habe. ^top