Bei der Recherche zu meinem Video zur kostenlosen Ferienlektüre bin ich auch der Website scribl.com begegnet. Das ist, etwas nüchtern ausgedrückt, eine Handelsplattform für digitale Inhalte: E-Books, Hörbücher, Podcasts. Als Leser bezieht man Lesestoff und als Autor publiziert man seine Werke. Das Versprechen an Autoren lautet: «You write. We do the rest. While we can’t guarantee your work will become a bestseller, Scribl is the place that can make it happen automatically.»

Also: «Du schreibst, wir publizieren. Ohne Garantie auf einen Bestseller, aber mit der Aussicht, dass es passieren könnte.» Das ist nun per se noch nicht wahnsinnig spektakulär. Es gibt andere Self-Publishing-Plattformen im Netz. Die wichtigste ist sicher Kindle Direct Publishing, wo man seine Bücher direkt auf Amazon veröffentlicht. (Wie ich es mit dem getan habe.)

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Das ist die Ausbeute, wenn man gern ein bisschen Sex, aber nicht allzu viel Realismus hätte.

Aber es macht nichts, eine Alternative zu haben. Besonders, wenn hinter dem Platzhirsch ein Koloss wie Amazon steckt. Und Scribl hat mehrere Eigenschaften, die die Plattform interessant machen.

Es gibt erstens das Crowd Pricing, das den Bücherpreis bestimmt. Das ist der Verkaufspreis, der das Leserinteresse miteinbezieht: Mit zunehmender Popularität steigt der Preis. Wenn man sich als Leser an unbekannte Bücher heranwagt, erhält man sie fast gratis. Für die Bestseller muss man hingegen ähnlich viel bezahlen, wie bei einem normalen E-Book-Laden.

Das sollte die Discoverability, die «Entdeckbarkeit» eines Werks verbessern. Die grossen Plattformen fördern typischerweise die bekannten Titel: Sie haben viele Bewertungen und die Vorschlagsfunktion sorgt dafür, dass sie immer weitere Kreise ziehen. Für unbekannte Autoren ist es schwierig, aus dem Schatten dieser Giganten zu treten.

Ob das wirklich funktioniert, ist von aussen schwer zu beurteilen. Auch das Crowd Pricing steht und fällt mit der Neugierde der Leser: Sind Entdecker oder Herdentiere? Will sagen: Sind sie bereit, sich durch das Angebot zu klicken und echte Perlen aufzustöbern – oder machen sie es sich dann doch lieber einfach, indem sie sagen: «Dann zahle ich halt etwas mehr, aber laufe nicht Gefahr, meine Zeit mit einem Mist zu vergeuden?»

Man muss Scribl zu Gute halten, dass es ein zweites Puzzlesteinchen gibt, das das Crowd Pricing wunderbar ergänzt. Nämlich eine klevere Filter-Funktion. Bei den Basic filters grenzt man erst einmal nach Typ (E-Books, Hörbücher, Podcasts), mit und ohne Adult Content, ein. Man darf auch nach Länge und Bewertungen filtern.

Richtig interessant wird es aber beim den Story Element filters: Man gibt an, was für eine Hauptfigur man gerne hätte: Geschlecht, Alter, Rasse, sexuelle Vorliebe, Religion.

Man gibt bei Styles & themes wieviel man von welcher Zutat gerne hätte: Action, Liebe, Humor, ein Plot zum Knobeln, Inspiration, Sozialkritik und Spannung (Pacing oder Erzähltempo genannt).

Bei Setting steuert man die Zeitperiode, den Realitätsgrad und den Ort der Handlung. Bei der letzten Option, Setting type, stehen Optionen wie fantastische Welten, auf oder unter Wasser, städtisch, ländlich/kleinstädtisch, dystopisch, Weltall und Untergrund zur Auswahl.

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So ist die Geschichte The Sim Diary erschlossen. Für manche ist das wohl schon ein Spoiler.

Und da sind noch die Rating factors, die angeben, wie viel Gewalt, Gefluche und Gevögle vorhanden sein darf und was eigentlich altersmässig die Zielgruppe des Werks sein soll.

Das ist eine interessante Herangehensweise – vielleicht etwas technokratisch, aber auf alle Fälle einen Versuch wert.

Wählt man als Hauptfigur einen heterosexuellen, agnostischen Mann in den besten Jahren, dann wird einem The Second Bat Guano War empfohlen:

Rats ate his baby daughter while he partied in a disco. Now Horace “Horse” Mann is a drugged-out expat teaching English to criminals in Lima, Peru. Oh, and doing the odd favor for the CIA.

Nun ja. Versucht man es mit einem Buch, das viel Humor hat, viel Knobelspass enthält, actiongeladen ist («häufige Action, ausgelöst durch Bedrohungen des Lebens der Hauptfigur») und ein bisschen Gefluche enthält, dann landet man bei The Crown Conspiracy:

They killed the king. They pinned it on two men. They chose poorly.

There’s no ancient evil to defeat, no orphan destined for greatness, just two guys in the wrong place at the wrong time. Royce Melborn, a skilled thief, and his mercenary partner, Hadrian Blackwater, make a profitable living carrying out dangerous assignments for conspiring nobles until they become the unwitting scapegoats in a plot to kill the king. Sentenced to death, they have only one way out…and so begins this tale of treachery and adventure, sword fighting and magic, myth and legend.

Könnte man vielleicht tatsächlich lesen. Bzw. hören, da es sich um einen kostenlosen Podcast handelt.

Entscheidet man sich für ein dystopsiches Setting mit schwarzem Humor und einem gewissen Prickelfaktor (Occasional detailed sex scene), dann landet man bei SHAT:

In a post-plague world where plants have suffered as much as animals, a colony of human survivors has gathered in a fortified former-luxury condominium complex they call “The Park”. These remnants of humanity are inextricably bound to their domestic cats, from which Dose (a temporary plague vaccine) is derived.

Hm. Bin unentschlossen. Vermute aber, dass es grauenvoll sein könnte.

Fazit: Eigentlich keines, da ich bislang weder die Zeit noch die Musse hatte, mich einem der ermittelten Titel zu widmen. Ich bin mir aber sicher, dass im Angebot von scribl.com die eine oder andere Perle schlummert. Ob die durchs Crowd Pricing und die Inhaltsfilter wirklich nach oben gespült werden, steht auf einem anderen Blatt. Die Erfolgsfaktoren eines Buchs – und die Aspekte, die einen persönlich beim Lesen in den Bann schlagen – bleiben selten bis nie in so einem Filter hängen. Der Schreibstil, die kleveren Gedanken zwischen den Zeilen, die Relevanz fürs eigene Leben, das gefühlsmässige Engagement – die kann selbst nach dem Lesen schwer in Worte fassen, geschweige denn als Anspruch bei der Suche nach einem Titel formulieren.

Und doch: Ich hätte diesen Inhaltsfilter gerne bei Audible, wo ich nach wie vor den Grossteil meiner Lektüre beziehe. Aber um eine Kategorie ergänzt: Die Erzählhaltung des Autors: Zynisch, abgebrüht oder kalt, versus freundschaftlich, konstruktiv und aufbauend. Denn eines weiss ich: In einer eskapistischen Phase brauche ich einen Autor, der mir und den anderen Lesern Zuneigung entgegenbringt…