Ist neben Photoshop noch Platz für eine andere Bildbearbeitung? Oder hat Adobe sich in dieser Softwaresparte so breit gemacht, dass für andere kein Raum mehr bleibt und keine Luft zum Atmen?

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Jeder Pinselstrich bleibt erhalten und kann nachträglich verändert werden. (Geladenes Bild: Brooke Cagle, Public Domain)

Es gibt einige Alternativen. Pixelmator zum Beispiel, hier für den Mac beschrieben, hier fürs iPad. Affinity Photo, eine Software, die ich schon seit längerem mal testen will. Oder eben hier Bloom.

Bloom gibt es für Windows und Mac. Wenn man die Software kaufen will, muss man 50 US-Dollar auf den Tisch legen. (Naja, im übertragenen Sinn. Ich glaube nicht, dass es sie irgendwo als Schachtel zu kaufen gibt, die man mit Bargeld bezahlen könnte.).

Die Oberfläche der Software erinnert ein bisschen an Photoshop: Links eine Werkzeugleiste, rechts Paletten, und das ganze Fenster ist ähnlich dunkel gehalten wie die Creative Suite. Dass die Software eine eigene, eckige Schrift verwendet, gefällt mir überhaupt nicht. Ich finde es sinnlos, wenn sich Programme versuchen, sich mit solchen Mätzchen vom normalen Betriebssystem-Design abzuheben. Das macht die Erscheinung nur inkonsistent und weniger benutzerfreundlich.

Aber das nur am Rand. In der Werkzeugleiste links gibt es die zu erwartenden Instrumente: Auswahl- bzw. Markierungswerkzeuge inklusive Zauberstab und magnetischem Lasso, ein Beschneidungstool, Pinsel und Bleistift, einen Radiergummi, Pinsel fürs Klonen, ein Verflüssigen-Werkzeug, Vektorformen (Rechteck, Oval, Polygon, Kreis und Kuchen, Linie, Freiform), ein Vektorpunkte-Werkzeug, Flutfüllung, Text und Verschmieren-Pinsel. Da fehlt im Vergleich zu Photoshop einiges: Reparatur, Muster, Verlauf, um nur einige Dinge zu nennen. Die Menüzeile weist annähernd die gleiche Abfolge von Befehlen auf wie Photoshop, doch in den Menüs selbst gibt es deutlich weniger Einträge. Das ist auch kein Wunder: Adobe pflegt Photoshop seit 27 Jahren – da ist der Aufholbedarf für einen Newcomer riesig.

Es gibt aber auch einen einzigartigen Vorteil für einen Newcomer: Eine gestandene Software wie Photoshop trägt Altlasten mit sich herum. Einerseits natürlich viel historischen Code, der ein Programm nicht unbedingt leichtfüssig macht. Andererseits eben ein Konzept, das in einer Zeit entwickelt wurde, wo die technischen Möglichkeiten viel bescheidener und die Gepflogenheiten ganz anders waren. Eine gerade erst erdachte Software kann zeitgemässe Konzepte verinnerlichen und die Arbeitsweisen berücksichtigen, die heute aktuell sind.

Diesen Vorteil nutzt Bloom eiskalt aus: Die Software ist für leistungsfähige Hardware und Rechner mit riesigen Speicherreserven gebaut:

Erstens: Sie arbeitet durchgehend mit 16-Bit-Farbkanälen. Ein normales Bild hat drei Kanäle mit acht Bit, was 16,7 Millionen unterschiedliche Nuancen ermöglicht. Mit 16 Bit sind es fast drei Billiarden (281’474’976’710’656). Klar, um lausige JPEGs fürs Web zuzuschneiden, braucht man das nicht. Aber wenn man in RAW fotografiert und seine Bilder sehr subtil bearbeiten möchte, vermeidet man typische Probleme wie das Banding: Das sind sichtbare Farbbänder, die anstelle von kontinuierlichen Farbverläufen, zum Beispiel im Himmel auftreten.

Klar, auch Photoshop beherscht die Bildbearbeitung mit 16 Bit. Allerdings eben nicht standardmässig, sondern nur bei Bedarf, und dann mit einem eingeschränkten Funktionsumfang.

Zweitens: Sie setzt ganz auf das Konzept der nondestruktiven Bildbearbeitung. Das gibt es bei Adobe auch, nämlich bei Lightroom. Doch dort nur bei summarischen Veränderungen, die das ganze Bild oder grosse Teile davon betreffen. Auf Pixelebene kann man bei Lightroom keine Korrekturen vornehmen. Dafür braucht es nach wie vor Photoshop, wo man so eine Art nondesktruktive Arbeitsweise pflegen kann, wenn man zum Beispiel eine Ebene mit dem Original aufbewahrt.

Bloom praktiziert die Nondestruktivität über die Ebenenpalette. Veränderungen an einer Ebene werden dort mittels horizontal angeordneter Symbole protokolliert. Man sieht jeden Arbeitsschritt; die Software nennt das einen Operator. Man kann jeden Operator jederzeit deaktivieren (ausblenden) oder löschen. Auch ein Kopieren und übertragen auf eine andere Ebene oder sogar in ein anderes Bild ist möglich.

Wählt man einen Operator aus, sieht man in der Palette Parameters dessen Steuergrössen. Welche das sind, hängt natürlich sehr von der Operation ab. Beim Malen mit dem Pinsel wird jeder einzelne Pinselstrich aufgelistet und bearbeitbar. Man kann seine PInselführung nachträglich via Vektorpunkte verändern, aber auch die Pinselfarbe ändern oder einzelne Striche löschen. Was ich nicht geschafft habe, ist, die PInseldicke und -ausprägung zu ändern.

Wählt man einen Operator wie Flood Fill (Flutfüllung) aus, dann sieht man den Ausgangspunkt dieser Füllung, Farbe und Toleranz: Man alle Werte auch verändern, was gerade bei einer reduzierten Toleranz interessante Effekte hat. Wenn man nämlich den Ausgangspunkt apnasst, fliesst die Farbe ganz anders übers Bild. Das eröffnet ein riesiges Experimentierfeld.

Die Arbeit via Parameter ist natürlich Geschmackssache. Sie hat etwas Technisches, indem man mit Farben, Koordinaten, Ausmassen und all den Eigenschaften hantiert, so wie man das in einer Software-Entwicklungsumgebung tut, wenn man die Properties eines Objekts festlegt. Einer echten Künstlernatur wird das nicht passen – aber analytischeren Gemütern ermöglicht es eine neue, und durchaus nützliche Arbeitsweise.

Drittens: Vektoren sind integriert. Die klassische Trennung zwischen Vektoren und Pixel (zur Unterscheidung siehe Auf dem Geometrietrip) ist natürlich sinnvoll, weil beide Techniken unterschiedliche Arbeitsweisen nahelegen, sodass Adobe Illustrator für Vektoren und Adobe Photoshop für Pixel höchst unterschiedliche Programme sind. Aber die Verbindung eröffnet eben auch interessante Möglichkeiten: So kann man einer Vektorform einen pixelbasierten Effekt zuweisen, ohne die Bearbeitbarkeit der ursprünglichen Vektorform zu verlieren – wie das sonst typischerweise der Fall ist.

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Obwohl die Schrift mit dem Liquify-Effekt verformt worden ist, bleibt der Text editierbar.

Fazit: Bloom ist eine äusserst spannende kleine Software, die vielleicht auch Adobe auf Ideen bringt – sollte der Softwaregigant jemals einen Neustart von Photoshop in Erwägung ziehen. (Ganz ausgeschlossen ist das nicht. Der Präzedenzfall ist PageMaker, den Adobe als InDesign hat neu auferstehen lassen.) Ich fände das schade: Denn es ist toll und wichtig, dass sich Hersteller getrauen, gegen Adobe anzutreten – und sich dafür innovative Konzepte ausdenken.

Das Konzept hat seine Nachteile. Die Dateien von Bloom werden riesig. Klar, alle Zwischenschritte bleiben erhalten, und auch wenn das oft in beschreibender Form geschieht, so generiert das trotzdem dicke Dateien. Eine Testkomposition mit mehreren Pixelebenen und 3600 auf 2400 Pixel ist 139 MB gross. Aber was solls – Festplattenspeicher ist heute nicht mehr das Problem.