Vectormagic.com ist ein netter kleiner Webdienst, den ich nicht täglich, aber doch gelegentlich nutzte. Inzwischen ist er leider nicht mehr in Verwendung, mehr dazu und eine Alternative weiter unten. Der Dienst wandelt Pixelbilder in Vektoren um. Für Leute, die nicht mit der Materie vertraut sind: Pixelbilder beschreiben ihren Inhalt mit vielen kleinen rasterförmig angeordneten Bildpunkten. Vektorbilder verwenden eine geometrische Beschreibung, bestehend aus Linien und Kurven, aus denen komplexe Objekte konstruiert werden können. Der eigentlich entscheidende Unterschied liegt darin, dass ein Pixelbild das Motiv abbildet, ohne es zu «verstehen»: Ein Pixel gibt eine Farbe wieder, egal ob er zu einem Baum oder zu einem Auto oder Kuhfladen gehört.

170505-graffiti.png
Ganz hübsch geworden: Das Foto eines Graffito (siehe unten) in vektorisierter und leicht nachbearbeiteter Form.

Bei Vektorbildern ist das anders: Eine Fläche, eine Linie, ein Kreis, ein Polygon oder was auch immer ist dort ein einzelnes Objekt, das jederzeit verschoben, gelöscht, verändert, vergrössert, verkleinert oder sonstwie modifiziert werden kann. Da Vektorgrafiken die Objekte geometrisch beschreiben, lassen sie sich beliebig vergrössern, ohne dass die bei Pixelbildern unvermeidlichen Bildpunkte sichtbar werden.

Vectormagic versucht nun, die Objekte eines Vektorbildes nachzuzeichnen. Man nennt das auch Vektorisierung oder Tracing. Das ist eine anspruchsvolle Angelegenheit. Der Tracing-Algorithmus muss Linien als Linien erkennen und gerade zeichnen, selbst wenn die im Pixelbild als kleine Treppchen in Erscheinung treten. Er sollte auch komplexe Motive sinnvoll in einzelne Objekte zerlegen. Und er muss auch mit den technischen Tücken klarkommen. So verursacht der Platzspar-Algorithmus bei stark komprimierten JPG-kleine Farbunterschiede, die im der Vektorumsetzung zu ignorieren sind.

Das heisst, ob eine Umsetzung brauchbar ist, hängt einerseits vom Motiv und der Bildqualität ab, andererseits ist der Algorithmus entscheidend. Vektormagic nennt sich, etwas unbescheiden, «simply the best auto tracer in the world». Ob das stimmt, kann ich nicht beurteilen, da ich nicht alle Tracer der Welt gegeneinander habe antreten lassen. Ich habe für den Publisher aber seinerzeit einen Vergleich mit der Tracing-Funktion von Adobe Illustrator gemacht und dort kleine Vorteile für den Webdienst festgestellt.

Bleibt die Frage: Wozu ist es gut? Natürlich für den eigentlichen Zweck, nämlich ein Bild in ein Vektorformat umzuwandeln, das man dann in Illustrator, in Affinity Designer oder im Open-Source-Programm Inskape (vor Urzeiten hier beschrieben) bearbeiten kann.

170505-graffiti-vorlage.jpg
Das von Autotracer.org nachgezeichnete Bild. (Lusalite-31, r2hox/Flickr.com, CC BY-SA 2.0)

Hilfreich ist die Vektorisierung auch dann, wenn ein Bild in zu niedriger Auflösung vorliegt. Denn wie erwähnt: In Vektorform kann es beliebig skaliert werden. Wenn die Vektorisierung also etwas taugt, dann ist das ein hervorragender Weg, um ein Bild «aufzublasen».

Zu guter Letzt führt die Vektorisierung auch zu einer Abstrahierung. Man kann Motive somit vereinfachen und auf ihre zentralen Formen zurückführen. Vectormagic stellt dazu diverse Funktionen zur Verfügung, beispielsweise zur Entfernung des Hintergrunds und zur Reduzierung der Farbanzahl bzw. Verwendung einer einfachen Farbpalette.

Leider – und das ist der Haken an der Sache – sind inzwischen keine Gratis-Umwandlungen mehr möglich. Früher waren sporadische Umwandlungen kostenlos. Inzwischen muss man entweder die Desktop-Variante für 295 US-Dollar kaufen oder den Dienst für 7.95 US-Dollar pro Monat mieten. Das ist mir zu teuer, da ich ihn wie gesagt nur sporadisch brauche. Ich bin deswegen auf autotracer.org umgeschwenkt – der ist allerdings qualitativ nicht ganz so gut. Aber wie das obige Beispiel zeigt, ist auch das absolut brauchbar. Ich habe das Vektorbild in Illustrator leicht nachbearbeitet: Ich habe den Hintergrund herausgelöscht und die Fläche im Dreieck gleichförmig gestaltet. Es wäre einfach, das noch weiter zu verbessern, indem man beispielsweise das Dreieck ganz löscht und in Illustrator konstruiert. So liesse sich auch der Knick beseitigen, der durch den Absatz in der Mauer entstanden ist.