Ohne ein allzu grosses Geheimnis zu verraten: Der Titel im S-town-Podcast steht für «Shitty town». Die Scheissstadt ist Woodstock, Alabama, wo John B. McLemore wohnt. Er ist ein Eigenbrödler, der mit seiner dementen Mutter auf einer Farm wohnt, einen Irrgarten angelegt hat, den man sogar auf Google Earth sieht, der als Uhren-Nerd auch knifflige antike Zeitmesser wieder zum Laufen bringt und ansonsten dem Leben nicht viel abgewinnen kann: Er wettert über sein Kaff und sein Unvermögen, etwas aus seinem Leben zu machen – und er leidet an der ganzen Welt. Klimakatastrophe, Putin, die Ungerechtigkeit des Lebens an sich.

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Hier fehlt eindeutig dieses Emoji hier: 💩

Der Podcast beginnt wie ein typischer Serial-Podcast (Definition hier): Mit einem vermeintlichen Skandal: Ein unaufgeklärter Mord. Vertuschte Polizeiübergriffe. Brian Reed, der Autor der Geschichte, telefoniert oft und lange mit McLemore, um der Sache auf die Spur zu kommen und reist dann nach Woodstock. Dort ist alles etwas anders… der vermeintliche Mörder spricht offen über seine Tat und auch sein Vater sagt, dass er so eine fiese Angelegenheit niemals gedeckt hätte. Auch die Polizei hat ermittelt, und das Geheimnis löst sich in Luft auf.

Eine Story, DOA. Doch nicht ganz. Es entsteht eine neue, ganz andere Geschichte. Die dreht sich um John und ein unerwartetes Ereignis in dessen Leben, das Familienmitglieder auf den Plan ruft, eine Art Schatzjagd in Gang setzt und Brian Reed dazu bringt, Johns Beziehungsnetz auszuleuchten und sich um die Geheimnisse in Johns Biografie zu kümmern. Wohin das eigentlich führen soll, ist bis zum Schluss nicht klar. Das tut der Spannung aber keinen Abbruch, im Gegenteil. Die Aufgabe ist zwar nicht so fokussiert wie bei «Serial», der Mutter aller Serial-artigen Podcasts – wo es um die Frage ging: Ist Adnan Syed ein Mörder oder nicht? (Siehe Die Longform als Podcast).

Doch die Stärke dieser Podcasts ist, dass Widersprüche nicht ausgeblendet, sondern als Teil des Lebens akzeptiert werden. Das ist auch bei «S-Town» der Fall, sodass wir viel über Alabama und seine Bewohner lernen, die den Southern Drawl sprechen, dass man sie mitunter kaum versteht, die rassistisch und homophob sind (zumindest die Weissen, die wir im Podcast kennenlernen, und die in einem Tattoostudio abhängen, das auch ein ziemlicher Drogenumschlagplatz und -konsumort ist.

Entstanden ist nicht die Geschichte, die sich Brian Reed ausgemalt hat – und die im Teaser, der uns auf Making a Murderer in Podcastform einstimmt, überverkauft wird. Dennoch habe ich die sieben Folgen in fast einem Rutsch weggehört. Das liegt an der Erzählform, die einem bei der Stange hält, selbst wenn man bald merkt, dass einem der versprochene Mord vorenthalten bleibt. Ich würde das Resultat als Biografie bezeichnen – eines Mannes, der mehr hätte aus seinem Leben machen können und müssen, und der vielschichtiger ist als der typische Klischee-Redneck aus dem amerikanischen Hinterland. Und das ist allemal sieben Podcastfolgen wert1.

Highlight: Die Cousine von John, die ein überraschendes Interesse an Johns (vermeintlich) goldenen Nippelpercings entwickelt hat und sie notfalls auch abschneiden wollte, um ihrer habhaft zu werden…

Footnotes

  1. Auch wenn es Artikel (mit Spoilern!) gibt, die der Meinung sind, der Autor sei mit seinen Enthüllungen über John viel zu weit gegangen. ^top