Wenn man das Brett bohrt, kommt so etwas dabei heraus.

Ich glaube, ich werde alt.

Da bin ich neulich per Zufall über diesen Artikel hier gestolpert. Vor 13 Jahren, im August 2004, habe ich auf vier Druckseiten Blender vorgestellt. Das ist ein monumentales Werkzeug aus dem Bereich der freien Software fürs Rendern von dreidimensionalen Bildern und Filmen. Ich habe mich damals offensichtlich intensiv mit ihr auseinandergesetzt. Es gibt da nämlich sogar ein Illustration mit einer dreidimensional gerenderten Schweizer Karte, auf der kleine Autos herumfahren.

Da dachte ich, es wäre doch mal wieder an der Zeit, einen frischen Blick auf Blender zu werfen: Sehen, was man damit inzwischen anstellen kann. Ein bisschen Spass haben, wie wir Nerds das so tun.

Aber wisst ihr was? Es lief ganz anders: Software herunterladen, öffnen… den Kopf schütteln, Software schliessen und löschen!

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Äh… nein danke.

… ich habe sogar Skrupel, diesen Beitrag hier in die Kategorie Wenn ich einmal Zeit habe einzusortieren. Denn in diesem Leben wird das wohl nichts mehr. Denn die Komplexität des Programms ist erschlagend. Schon der Dialog zum Öffnen von Dateien könnte Panikanfälle auslösen. Und wenn man versucht herauszufinden, wie man die Szene dreht, ein Objekt hinzufügt und das in der Szene hin- und herschiebt, kommt man sich dumm und unwürdig vor. Immerhin lese ich in meinem Artikel einige nützliche Tipps nach, die heute noch funktionieren: Mit der Tabulator-Taste wechselt man zwischen dem Object Mode und dem Edit Mode hin und her. Mit s skaliert man Objekte. Mit r rotiert man sie. Und ich schreibe im Artikel auch: «Wer zum Blender-Profi avancieren will, sollte für die Sommerferien keine anderen Pläne haben.»

Okay, ihr seht, zwischen dem Vorgang des Kopf schüttelns und des Schliessens fanden doch einige Minuten des Ausprobierens statt. Trotzdem frage ich mich: Ist das nun ein Zeichen von Einsicht? Oder ist es ein Beweis dafür, dass diese Spannkraft im Alter tatsächlich immer mehr nachlässt, so wie es alle sagen? Meine unmittelbare Reaktion sieht man am Anfang des Artikels: Ja, es ist das Alter mit all seinen unangenehmen Folgen auf Körper, Geist und Elan: Ich empfinde die Existenz einer Software nicht mehr als persönliche Herausforderung. Früher wars anders: «Da gibt es eine freie Software für 3-D-Grafik? Challenge accepted

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Das habe ich seinerzeit ganz allein hingebastelt. (Naja, fast allein. Das 3-D-Modell des Käfers war aus dem Web.)

Wohin mag das bloss führen? Wird mich bald jegliche Neugierde verlassen? Packen mich die neuen Möglichkeiten des Fortschritts immer weniger? Bin ich an dem Punkt angekommen, wo man es sich mit den vorhandenen Erfahrungen bequem macht und keinen Bock mehr aufs Neue hat? Das wäre in meinem Beruf fatal, weil die Leute nicht lesen wollen, dass das iPhone 5 genauso gut ist wie das iPhone 8. … wobei, wenn es wahr ist, dann wollen die Leute es lesen. Aber um zu wissen, dass es wahr ist, muss ich mich intensiv mit dem iPhone 8 beschäftigt haben. Die Aussage «Die Schachtel sieht von aussen nicht spektakulärer aus als die Schachtel der alten iPhones, und öffnen mag ich sie nicht» reicht da leider nicht. Der nächste Schritt ist dann ein Abdriften nach rechts in die staubige Ecke der Bewahrer und Verweigerer. «Veränderung, etwas Neues? Brauchen wir hier nicht!»

Nachdem ich diesen Gedanken ein paar Tage mit mir herumgetragen habe, bin ich zum Schluss gekommen, dass er falsch ist. Ich setze mich neuen Dingen weiterhin sehr gern aus. Zum Beispiel medial: Dank Netflix und Spotify gibt es eine grössere Vielfalt an Musik und Film in meinem Leben als je zuvor. Auch frischen Gedanken bin ich nach wie vor sehr zugetan. Eine überraschende Erkenntnis, eine verblüffende Einsicht – mich davon begeistern zu lassen, will ich auch weiterhin nicht missen.

Darum liegt es also doch an dieser Software hier. Und da muss man sagen: Es nämlich vernünftig, ein Brett von der Dicke eines Mammutbaums nicht zu bohren, wenn man besseres zu tun hat. Und ich habe besseres zu tun.