Mit iOS 10.2 kam das Selfie-Emoji. Ich meine, allein das Wort… müsste ich es meiner Grossmutter erklären, käme ich ganz arg ins Schwimmen. Dabei hat sie zumindest eine vage Vorstellung von dem, was ein Smartphone so tut. Aber wenn ich mich zurück in meine Primarschulzeit versetze, dann wäre das Konzept für die Leute damals – mein zwölfjähriges Ich eingeschlossen – nur mit viel Aufwand vermittelbar. Das Fernsehen damals war schwarzweiss1. Telefone waren schwarz und aus Bakelit. Sie hingen an der Wand und waren nur zum Telefonieren da.

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Eine Rarität in meiner Fotosammlung: Ein Bild mit mir selbst drauf. Plus rechts das Reenactment.

Kommunikativ gesehen lebten wir im Mittelalter. Denn auch wenn ich nicht mehr genau sagen kann, was damals ein Ferngespräch pro Minute gekostet hat, war es doch so, dass die Nutzung des Telefons aufs Nötigste zu beschränken war. Stattdessen haben wir fleissig die Briefpost genutzt. Wie Schiller und Goethe, nur weniger literarisch. Und in denen waren Emoji bekanntlich nicht gebräuchlich. Obwohl sie zu der Zeit besonders praktisch gewesen wären. Die Schweizer Post hatte noch bis in die 1980er Jahre ein Tarifsystem, nach dem Postkarten vergünstigt transportiert, wenn maximal fünf Worte darauf standen. Wohl, weil der Pöstler an denen weniger schwer zu tragen hatte. Mit fünf Emojis erzählt man, wenn man geschickt ist, einen halben Roman.

Auch das Selfie war damals schon als Konzept völlig verquer. Mit einer analogen Kamera kann man sich zwar durchaus selbst ablichten. Aber ohne die Posiermöglichkeit ist die Chance auf ein unvorteilhaftes Bild gross und der Reiz klein. Doch noch schwerer als die technischen Hürden wogen damals die inneren Widerstände. Ich erinnere mich gut: In meinem erweiterten Familienumfeld hat man gerne und oft über die japanischen Touristen gelacht, die in drei Tagen durch Europa reisen, um sich vor jeden erdenklichen Sehenswürdigkeiten posierend abzulichten. Das galt als eitel und bizarr – weil man sich damals ein Fotoalbum vorgestellt hat, wo immer die gleiche Visage vor wechselnden Hintergründen zu sehen ist. So sollten unsere Fotoalben nicht aussehen. Und das taten sie auch nicht. Ich erinnere mich an die Alben meines Onkels Peter, der grosse Reisen in die Sowjetunion und andere schwer zugängliche Staaten unternommen hat. Die Trips hat er sorgfältig dokumentiert. Aber er selbst war nie jemals auf irgend einem Bild mit drauf.

Ich glaube, es galt damals als eitel und fast schon unanständig, sich selbst ins Bild zu rücken. Es widersprach den zwinglianischen Tugenden, die – und man mag mich korrigieren, falls ich falsch liege – den preussischen Tugenden nicht unähnlich sind. Man fotografierte somit auf Reisen die schönen Gebäude, aber ohne sie mit seinen Reisekameraden zuzustellen. Fotos sollten eher zeitlos denn eine Momentaufnahme sein. Fotografiert wurde man an Familienfesten oder zu Kindesbeinen oder vielleicht mal anlässlich eines Gruppenbilds.

Ich habe diese Einstellung verinnerlicht. Das stelle ich fest, wenn ich meine Fotos aus den 1980er- und 1990er-Jahren anschaue. (Was ich ab und zu tue, da ich sie inzwischen digital vorliegen habe.) Doch ich komme jedes Mal zum Schluss – es sind grossteils langweilige, nichtssagende Fotos, die irgendjemand gemacht haben könnte – gerade weil ich angestrengt versucht habe, nicht eitel zu sein. Sie erinnern ans Wo meiner Reisen, aber selten ans Was oder Wer. Die Fotos beweisen, dass ich in Berlin, London, Paris und Stockholm war. Aber sie verraten kaum etwas, das ich nicht noch selbst wüsste. Denn das wir uns in Paris den Eiffelturm und Schloss Versailles angesehen haben, ist ein No-Brainer. Was abseits der touristischen Trampelpfade passiert ist, wo wir gegessen, übernachtet, uns Stunden um die Ohren geschlagen haben, wie die Stimmung war, was uns bewegt, an- und abgeturnt hat, das verraten diese fast zwanghaft objektiven und neutralen Fotos nicht.

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Ja, man sieht etwas bescheuert aus, wenn man Selfies knipst. Aber selten merkt das einer. (Bild: Selfie at the Stones, Judy Dean/Flickr.com, CC BY 2.0)

Und darum muss ich leider einräumen: Ich war ein lausiger Fotograf. Nicht, weil ich technisch mein Handwerk nicht beherrscht hätte. Nein, ich konnte und kann auch mit einer komplett manuellen Spiegelreflexkamera ganz leidiglich umgehen. Aber ich hatte eine völlig falsche Vorstellung davon, wozu ich Fotografie betreibe und was mir die Bilder einmal bedeuten würden. Das Ziel waren Bilder, die man in der ganzen Familie rumzeigen kann. Und nichts, das von den eigenen Emotionen lebt.

Deswegen finde ich es heute völlig okay, wenn man sein Essen knipst und vor irgend einem Monument für ein albernes Selfie posiert. Es sind diese Bilder, die später die Gefühle und Stimmungen des Moments evozieren und die man liebt. Und nicht diese nüchternen, uneitle Bilder, die man so auch bei Flickr finden würde.

Darum: 🤳! Das Selfie lebe hoch! (Eine Selfie-Stange kommt mir aber trotzdem nicht ins Reisegepäck.)

Footnotes

  1. Mehrheitlich. Es gab das Farbfernsehen schon und einzelne Leute im Dorf hatten auch schon einen Farbfernseher. ^top