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Winterthur als kleiner Planet.

Raw-Fotografie beim Smartphone war neulich mein Thema. Dazu habe ich einige Apps angeschaut, hier Manual. Eine zweite App, die das beherrscht, ist ProCam, zu haben für 5 Franken fürs iPhone.

Diese ist deutlich umfangreicher als Manual. Sie fotografiert nicht nur in DNG, sondern auch in Tiff. Das Tagged Image File Format gehört zu den Veteranen unter den Dateiformaten. Es wurde schon 1986 erfunden, aber kontinuierlich weiterentwickelt und es wird in klassischen Publishing-Workflows in Druckereien und von Grafikern und Layoutern noch gerne verwendet. Es ist dann nützlich, wenn DNG sich als unpraktisch erweist, zum Beispiel, weil das Lieblingsbildbearbeitungsprogramm dieses Format nicht unterstützt.

Ein weiterer Vorteil: Das Tiff wird ohne verlustbehaftete Komprimierung gespeichert, was für die Bearbeitung optimal ist, aber riesige Dateien ergibt. Zum Vergleich: Ein typisches Foto mit dem iPhone 7 ist als JPG 3 MB gross. Als DNG gespeichert, fallen ungeführ 10 MB an. Die Tiff-Datei ist mehr als 45 MB gross und damit doch relativ unhandlich.

ProCam rückt die manuelle Belichtung der Fotos ins Zentrum. Die App hat Bedienelemente für die Belichtungszeit und die ISO-Empfindlichkeit. An der fixen Blende des Telefons kann natürlich auch diese App nichts ändern. Um einen Wert manuell zu setzen, tippt man den zu ändernden Parameter an: AE (automatic exposure) für die Belichtung, AF (Autofokus) für die Schärfe und AWB (Automatic White Balance) für den Weissabgleich. Dann wählt man über das Drehrad rechts (bzw. unten im Hochformat) den gewünschten Wert. Für den Fokuspunkt kann man auch einfach im Kamerabild auf den scharfzustellenden Punkt klicken.

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Der «Sucher» mit den Bedienelementen zur Aufnahmesteuerung.

Die App stellt auch die von anderen Apps bekannten Funktionen Focus Lock, Exposure Lock und White Balance Lock zur Verfügung. Mit denen fixiert man den Fokuspunkt, die Belichtung und den Weissabgleich, worauf die Automatik den fraglichen Wert nicht mehr verstellt. Um die Belichtung zu sperren, tippt man in der App lange auf AE, bis die Beschriftung zu AE-L wechselt. Analog geht es mit der Schärfeeinstellung, die in blockiertem Zustand als AF-L angezeigt wird. Beim Weissabgleich lautet die Beschriftung WB-L. Um alle Werte wieder zu deblockieren, tippt man doppelt aufs Kamerabild.

Mit ProCam gibt es auch Spezialfunktionen. Erstens HDR, sodass man sich eine separate App wie Pro HDR sparen kann. Zweitens sogar Autobracketing (AEB): Diese Funktion schiesst die vorgegebene Zahl von Fotos mit den gewählten (simulierten) Blendenunterschieden. Diese Belichtungsreihe fügt man in einer Software wie dann nach eigenem Gusto zu einem HDR-Bild zusammen.

Das ist noch nicht alles: ProCam hat auch einen Videomodus mit manuellen Belichtungsmöglichkeiten und Zeitraffer. Es gibt einen Selbstauslöser, Nachtmodus, Serienbild und Langzeitbelichtung. Man kann diverse Seitenverhältnisse wählen (16:9, 3:2, 4:3, 1:1) und vier Kompositionshilfen einblenden: Dreiteilung mit künstlichem Horizont, ein feinmaschigeres Gitternetz, ein überlagernder goldener Schnitt und der künstliche Horizont alleine. In den umfangreichen Einstellungen, zu finden unter Set, blendet man u.a. ein Histogramm ein, schaltet die Fokussierungshilfen wie Kanten-Hervorhebung ein und kann auch bei der Verwendung von JPG den Kompressionsgrad beeinflussen. Und es gibt die Verschlusspriorität: Mit ihr passt die App die Iso-Einstellung an, wenn man die Belichtungszeit manuell festgelegt hat.

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Links: Die App korrigiert auch stürzende Linien.
Rechts: Die Bildformate, Kompositionshilfen und Aufnahmemodi.

Das wars noch immer nicht: Die App hat auch einen umfangreichen Bearbeitungsmodus. In dem findet man die üblichen Möglichkeiten zur Farb- und Belichtungskorrektur, Filter, Dreh- und Beschneidemöglichkeiten. Es gibt aber auch die nette Funktion, ein Fischaugen-Objektiv zu simulieren, stürzende Linien zu korrigieren oder ein sphärisches Panorama zu berechnen. Diese Panoramen vermitteln ein verblüffendes Seherlebnis, wie mein Publisher-Beitrag «Nach Lust und Laune Welten formen» (PDF) erläutert. Eine Panorama-Aufnahmen dreht die App um ein Zentrum, sodass die obere oder untere lange Kante zu einem Punkt konvergiert. Das ergibt einen kleinen Planeten oder ein Rabbit hole. Ich habe für den Effekt bis anhin die hier vorgestellte App Tiny Planet eingesetzt. Hier mit Planet Eschenberg ein älteres Beispiel für einen kleinen Planeten.

Die App beherrscht auch nette Kaleidoskop-Effekte, die man durch Ziehen und Stauchen anpasst.

Fazit: Viele Möglichkeiten – ich stehe wegen den Belichtungsreihen, den manuell belichteten Videos und den Panorama-Effekten auf ProCam.