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Seit kurzem habe ich einen neuen Twitter-Lieblingsaccount, nämlich @floskelwolke. Das ist ein nettes kleines Beispiel einer klugen Datenanalyse. Die Betreiber untersuchen kontinulierlich die Websites «nahezu aller deutschsprachigen Zeitungen, Radiosender, Fernsehsender und Magazine in Deutschland, Österreich und der Schweiz» (siehe FAQ). Das Resultat sind stehende Wendungen, die so genannten Floskeln, die immer und immer wieder auftauchen. Das grüne Licht, die nicht schlecht Staunenden, das in die Hand genommene Geld, die geforderten Toten, die überwiegende Mehrheit, der an den Rollstuhl gefesselte, das steigende Thermometer…

Wer sein Geld mit Schreiben verdient oder auch nur Wert auf eine gepflegte Sprache legt, sollte sich dieser Floskeln bewusst sein. Denn oft genug sind sie sprachlich nicht präzise oder sogar kompletter Unfug und häufig einfach auch nur sehr abgegriffen. Sie zu vermeiden, macht den Text authentischer, weil er weniger wie ein aus Versatzstücken zusammengebauter Schnellschuss wirkt – nicht ab Stange, sondern massgeschneidert1.

Natürlich, die Floskeldrescherei lässt sich nicht komplett vermeiden. Manchmal hätte das Herumlavieren um eine Floskel unnötig komplizierte Formulierungen zur Folge. Gut eingesetzt holt die Floskel die Leser genau am richtigen Punkt ab. Und als Journalist muss man sehr oft floskelhaftes Ausgangsmaterial weiterverarbeiten und muss, gerade bei Zitaten, dieses mehrheitlich beibehalten. Und es kann sein, dass sich die Tonalität eines Mediums auch aus der Verwendung gewisser Floskeln ableitet – denn weil sie so inflationär verwendet werden, sind sie vertraut und haben einen hohen Wiedererkennungswert.

Cool wäre natürlich ein Plugin für den Browser oder die Textverarbeitung, mit dem man während des Schreibens automatisch eine Floskelwarnung erhält. Denn ärgerlich sind vor allem die unabsichtlich und gedankenlos produzierten Hohlphrasen, die man leicht hätte eliminieren können. Aber es kommt vor, gerade wenn man intensiv mit dem Inhalt ringt.

Darum ist der Twitter-Account nützlich. Es sensibilisiert, wenn man sich diesen Tweets mit den schlimmsten Floskeln aussetzt.

Bemängeln kann man, dass die Helvetismusfloskeln zu kurz kommen, zum Beispiel die grauenvolle Phrase «Herr und Frau Schweizer». Aber da bessern die Macher vielleicht noch nach2.

Footnotes

  1. Und das wären nun nicht eine, sondern sogar zwei Floskeln gewesen. ^top
  2. Nachbessern: Keine schlimme, aber eine harmlose Floskel ^top