Es ging hier in der letzten Zeit immer mal wieder um Zeitreisen. Das ist auch heute nicht anders. Das Buch, wo zeitgereist wird, dass es den Teufel graust, heisst «The Man Who Folded Himself» (Wikipedia, Amazon Affiliate) in Deutsch «Zeitmaschinen gehen anders» (Phantastik-couch.de, Amazon Affiliate) von David Gerrold.

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Ähnlich verwirrlich wie Predestination.

Ein wirklich schräges Buch. Die Hauptfigur, Daniel Eakins, erhält von seinem Onkel Jim einen Zeitreisegürtel. Der kommt mit ausführlichen Instruktionen und macht klar, dass man mit ihm so wild durch alle Jahrhunderte hindurch streunen kann, wie es einem beliebt. Angst vor paradoxen Situationen braucht man nicht zu haben. Mit jeder Zeitreise wird eine neue Parallelrealität geschaffen, die für sich stimmig ist. Für den weltgewandten Zeitreisenden gibt auch Methoden, defekte Zeitstränge zu reparieren, bzw. ihnen zu entrinnen. Wichtig ist bloss, sich nicht so weit von der Ursprungsrealität zu entfernen, dass man nicht mehr dahin zurückkommt – falls einem denn etwas daran liegt.

Spoilerwarnung an. Eakins schafft ohne viel Aufhebens, zu einem Vermögen zu kommen, Hitler in der Krippe zu ermorden, Jesus zu besuchen und durch das Rom Caesars zu lustwandeln. Doch darum geht es in der Geschichte eigentlich gar nicht. Denn Daniel lernt, kaum hat er den Gürtel zum ersten Mal benutzt, sein um einen Tag älteres Ich kennen, das zu ihm zurückgereist kam. Der Einfachheit halber gibt er sich als Zwillingsbruder aus und nennt sich Don. Don und Danny gehen gemeinsam zum Pferderennen und machen mit einigen Wetten ordentlich Reibach. Und Danny merkt, als er in die Rolle Dons schlüpft, wie es ist, diesen Tag aus der Perspektive des dominanteren «Bruders» zu erleben. Und eine Erkenntnis ist, dass der Tag nicht unbedingt so ablaufen muss, wie er ihn als Danny tags zuvor erlebt hat. Varianten sind jederzeit möglich und können durchaus die Folge haben, dass eine weitere Instanz seines Ichs aus der Zukunft anreist und warnt, es mit der Gier bei den Pferdewetten nicht zu übertreiben.

An der Stelle wird so langsam klar, worum es in der Geschichte geht: Sie ist, nebst Sciencefiction, ein Beziehungsdrama. Denn Danny, der Einsiedler, stellt fest, dass er am liebsten Beziehungen nur zu sich selbst pflegt. Er hängt mit Don, seinem anderen Ich ab und entwickelt eine homoerotische Beziehung zu ihm. Klar, warum auch nicht? Jeder neugierige Mensch würde wissen wollen, wie es mit sich selbst wäre. Doch das ist längst nicht alles. In Dannys Wohnung entsteht eine WG mit Dutzenden seiner Ichs, die Poker spielen und sich teils doch ziemlich unterscheiden. Einer taucht einmal auf, der auf irgend eine Weise durchgedreht ist, und dem sein Zeitreisegürtel abgenommen werden muss.

Danny merkt, dass er durch seine Zeitreiserei es irgendwie geschafft hat, die Spuren seiner Kindheit und seiner Jugend zu verwischen. In seiner Realitätsinstanz existieren seine Eltern nicht mehr. Im Bestreben, zu dem Zeitpunkt zurückzukehren, wo noch noch eine einzige, singuläre Realität herrschte, reist er weit in die Vergangenheit zurück. Dort trifft er auf Diane, die – so wird schnell klar – eine weibliche Ausgabe seiner selbst ist. Wie dieser Geschlechtswechsel geschehen konnte, bleibt im Dunkeln. Wahrscheinlich hat schon Onkel Jim vor Dannys am Gefüge der Zeit gespielt, sodass seine Eltern irgendwann eine Tochter und keinen Sohn geboren haben.

Es passiert natürlich, was passieren muss: Danny und Diane spüren die Anziehung, die Danny auch zu seinen männlichen Ichs gespürt hat. Sie lieben sich und zeugen ein Mädchen. Doch weil Danny lieber einen Sohn gehabt hätten, geht er noch etwas weiter zurück, lernt Diane nochmals kennen und zeugt einen Sohn.

Doch das Glück währt nicht. Danny bleibt der Einsiedler, der durch die Zeiten reist. Und als er nach vielen Jahren feststellt, dass er Diane vermisst, ist es zu spät – sie können sich nämlich nur in der Vergangenheit treffen, an der Stelle, wo sich die vielen Zeitabläufe in einem Punkt treffen. Und dort ist Diane so jung wie eh – und viel zu jung, um noch etwas vom alten Danny zu wollen. Ihr altes Ego ist nie in die Vergangenheit zurückgereist. Darum hilft es auch nicht, dass Danny sie geradezu stalkt. Die Alterskluft ist nicht zu überbrücken.

Danny bleibt, weiterhin seiner WG mit seinen nunmehr auch sehr alten Ichs abzuhängen. Und festzustellen, dass sich trotz des Zeitreisegürtels das Altern nicht aufhalten lässt. Und darum ist es unvermeidlich, dass seine alten Egos einer nach dem anderen stirbt. Als Danny an der Reihe ist, macht er das, was naheliegend ist. Er reist zurück zu seinem Sohn, als der ein junger Mann ist, und übergibt ihm als «Onkel Jim» den Zeitreisegürtel.

Und damit wurde die Geschichte rund. Danny ist sein eigener, genetisch identischer Sohn. Nein, vielmehr: Der Sohn ist er. Und irgendwo, in einer anderen Realität, ist auch die Tochter die identische Person. Und die Hauptfigur ein Gefangener seiner selbst in einem Meer der unendlichen Zeitreise-Möglichkeiten. Mit der ungelösten Frage, wo eigentlich der Gürtel herkommt.

Spoilerwarnung aus. Das erinnert natürlich sehr an «Predestination» bzw. «All You Zombies» (siehe Paradoxon par excellence). Die Story ist eine Fingerübung in Logik und ein exzessives Zuendedenken des Phänomens der Zeitreise. Eine locker-leichte Lektüre ergibt sich daraus nicht – sondern eine von langen theoretischen Monologen durchsetzte Erzählung, die von tiefer Einsamkeit geprägt ist. Ich lasse mir aber den Glauben nicht nehmen, dass Leute wie du oder ich aus diesem Zeitreisegürtel mehr herausholen würden…