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The Dakota – hier kommt Si Morley in der Vergangenheit an.

Time and again (Wikipedia, Amazon Affiliate), zu Deutsch Das andere Ufer der Zeit (Wikipedia, Amazon Affiliate) ist eine der schönsten Zeitreise-Geschichten, die ich je gelesen habe – und in diesem Blog gibt es einige davon. Sie stammt von Jack Finney, der nicht zu den Granden des Genres gehört, aber doch einige bekannte Werke verfasst hat. Das bekannteste ist sicherlich «Die Körperfresser kommen» (W, A), das als «Body Snatchers» (W, IMDB, A) verfilmt worden ist.

Die Gesichte ist unspektakulär – gerade im Vergleich zu den spektakulären Plots von Brett Battles (Wir sind die Anomalie), bei denen die ganze Weltgeschichte umgekrempelt wird. Hier passiert nichts dergleichen1. Es gibt einen kleinen Kriminalfall und den Anflug einer Liebesgeschichte. Aber was dieses Buch auszeichnet, ist, dass es einen erleben lässt, wie sich eine Zeitreise anfühlen muss. Jack Finneys Ich-Erzähler Si Morley lässt einen das New York des Jahres 1882 durch seine Augen erleben – und mit seiner Liebe für eine Stadt, die er knapp hundert Jahre später so gut kennt, dass er genau sagen kann, welches Gebäude in seiner Zeit noch steht und wo der Zahn der Zeit gnadenlos genagt hat. Das ist so solide recherchiert, dass man sehr gut zu verstehen beginnt, wie die Leute damals gelebt haben, als es noch keine Automobile gab, das Telefon erst ein fernes Gerücht war, noch keine internationalen Zeitzonen etabliert worden waren und man mit Botenjungen kommunizierte, mit Pferdekutschen unterwegs war und sich Abends die Zeit mit Gesellschaftsspielen vertrieb.

Dieses bewusste Evozieren ist die grosse Stärke dieses Buchs – und auch die Schwäche vieler anderen Zeitreise-Geschichten, die sich zwar viel Mühe machen, ein Paradoxon heraufzubeschwören. Aber dabei die Gelegenheit verpassen, das Lebensgefühl einer Epoche zu vermitteln. Dass es Jack Finney darum geht, verrät er schon ganz am Anfang des Buchs. Er lässt seinen Helden Si Morley erklären, was ihn so fasziniert: Wenn man mit einer stereoskopischen Brille Bilder der Vergangenheit betrachtet, scheinen die lebendig zu werden: Man sieht die abgebildeten Menschen dreidimensional, fast greifbar. Und dennoch kann man nicht in den nächsten Hauseingang treten und sehen, was hinter der Haustüre ist – was diese Menschen mit uns verbindet und was sie von uns unterscheidet. Es verbindet uns viel. Aber es gibt auch das, was trennt. Und damit ist nicht nur fehlendes Verständnis für die vergangenen Modetrends gemeint. Und das anders gelagerte Schamgefühl.

Die Differenzen im Zeitgeist zu überbrücken, ist die grösste Hürde. Aber eine, die man gerne nimmt und darum nicht stolpert. Zumindest, wenn man, wie Jack Finney, von einer grossen Sehnsucht nach jener Zeit angetrieben wird. Diese Sehnsucht ist bei der grossen Schlittenfahrt-Szene mit Händen greifbar:

On the walks they were pulling kids on sleds, throwing snowballs, making snowmen; children, adults, old men and women, laughing, calling to each other. And in the streets we passed and were passed by every kind of sleigh, and we called to them and they to us. We raced them sometimes; once, going up Fifth Avenue, we raced three teams abreast, drivers on their feet, whips cracking, girls shrieking, for nearly two blocks before–sleighs coming the other way–we had to fall into single file cheering and shouting. Heading north somewhere in the Fifties, Felix’s sleigh half a block behind, Jake turned impulsively into a cross street just as a sleigh coming south swung in, too. Bells jingling, we trotted along side by side, grinning at each other.

Schlittenfahren in einer Grossstadt – die damals noch nicht so gross und imposant war wie New York heute. Aber wo selbst in Kleinstädten aufgrund des Verkehrs so ein grosses Gemeinschaftsvergnügen völlig undenkbar geworden ist. Das ist natürlich sentimental und verklärend – denn Finney behauptet, die Welt sei damals besser gewesen. Si Morley erklärt Julia, einer Tochter des 17. Jahrhunderts, die Probleme seiner Zeit: Luftverschmutzung, Rauchen und Fernsehwerbung, Atomaufrüstung und Atombombenabwürfe – so schlimm, dass man eigentlich nicht darüber sprechen mag.

Finnley klammert die Probleme nicht aus: Die Armut der obdachlosen Kinder, die Aussichtslosigkeit mancher Berufsgruppen wie der Pferdekutscher. Die Korrpution bei der Polizei, die nur über die von der Verfassung garantierten Bürgerrechte lacht – oder die Feuerwehr, deren Ausrüstung aus heutiger Sicht lächerlich amateurhaft wirkt.

Trotzdem lässt auch der Schluss der Geschichte keinen Zweifel daran, wann Finnley leben möchte. Und genau diese Stimmung, die Sehsucht nach der Vergangenheit ist es denn auch, die Stephen King in «11/22/63» (W, A; besprochen im Beitrag Back to the Future für Erwachsene) seinerseits meisterhaft beschwört. Und so erstaunt es auch nicht, dass laut Klappentext «Time and Again» King zu «11/22/63» inspiriert hat. Ein tolles Buch, das ein zweites gebiert – das ist doch mal etwas anderes als ein Amoklauf, der andere Amokläufe nach sich zieht.

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Der Broadway, ein paar Jahre später als in der Geschichte. Trotzdem wirkt er auf uns fast schon unschuldig… (Bild: Wikipedia.org)

Und so ist das Buch aus heutiger Sicht eine doppelte Zeitreise: Es ist 1970 erschienen, vor 45 Jahren. Das ist nicht ganz die Zeit, die was zwar nicht ganz die Zeit ist, die Si Morley überbrückt. Aber fast. In seinem New York gibt es in der Glotze ganze 6 Fernsehprogramme. Ruben Prien macht, als er Si fürs Geheimprojekt anwirbt, Witze über Überwachung. Man versteht, dass die unschuldig gemeint sind – aber in der heutige Zeit kann ein US-amerikanischer Regierungsbeamter keine unschuldigen Witze mehr über die Überwachung machen. Und von Computern haben die Menschen zwar schon gehört, aber sie spielen im Alltag keine Rolle. Wenn die Worte Klick und Doppelklick fallen, dann geht es um einen Diaprojektor:

Martin’s control clicked, the screen went white and empty, another click and the big square was a sepia photograph: Two women in long dresses and big hats were walking, their backs to the camera, down a wide sidewalk shaded by immense trees; one of them carried an open umbrella against the sun. To their left lay a grassy parkway in which great trees grew, shadowing the street; to their right, log sloping lawns. Beyond the parkway lay the shade-dappled street, empty except for an open buggy, its horse tethered to a hitching post. It was a good moment; the photographer had caught a nice scene. Sitting in the semidarkness studying it, I could believe–I knew–that it had once really happened. But it was frozen in time, infinitely remote, and the two women up there were never going to take the next step.
A double click, and Sidney Urquhart’s glimpse of the same monument filled the screen in color.

Ja, und wir, wir überlegen jetzt, ob die Veränderungen seither nicht ebensogross waren wie zwischen Si Morleys und Julia Charbonneaus Zeit. Und ob wir lieber in die 1970er-Jahre zurückreisen möchten, ins Jahr 1882 abtauchen würden oder hierbleiben – um zu sehen, was die Technikrevolution noch so für uns parat hat.

Footnotes

  1. Wie üblich verlege ich zwecks Spoilervermeidung die inhaltliche Zusammenfassung in die Fussnote. Simon «Si» Morley ist ein Werbezeichner in einer New Yorker Werbeagentur. Nicht gerade unglücklich, aber ohne seine Ambitionen verwirklichen zu können. Nun tritt eines Tages Ruben Prien an ihn heran. Der Mann will ihn für ein geheimes Regierungsprojekt rekrutieren, macht aber ein riesiges Geheimnis darum. Trotzdem entschliesst sich Si, das Abenteuer zu wagen. In einem grossen Lagerhaus, das zur Tarnung von einer Umzugsfirma benutzt wird, residiert das Projekt. Zeitreisen sind möglich. Sie passieren nicht mit technischen Hilfsmitteln (weswegen die Genre-Bezeichnung Sciencefiction für dieses Werk auch nicht so richtig passt), sondern als mentaler Akt. Mit autogenem Training und Selbsthypnose versetzt sich der Zeitreisende an sein Ziel – und damit das klappt, muss er am Ausgangspunkt seiner Reise in einem Gebäude stecken, dass an der Zielzeit noch vorhanden ist.
    In welche Zeit Si reisen will, ist schnell klar: Ins New York des Winters 1882. Seine Freundin Kate besitzt einen Brief, der einen spannenden Ansatzpunkt liefert: Ein Brief, der die ominöse Zeile «the destruction by fire of the entire World» enthält, geschrieben von einem Selbstmörder. Briefe haben einen Poststempel – und darum weiss man ganz genau, wann und wo sie aufgegeben wurden.
    Si muss sich nun ausgiebig auf seine Zeitreise vorbereiten, indem er während längerer Zeit so lebt, als ob er schon in der Vergangenheit angekommen wäre. Wichtig ist, das Gefühl jener Zeit zu verinnerlichen. Er soll sich unauffäliig verhalten, aber auch mental für den Übergang abrufen können. Der Trip glückt und voller Staunen erkundet Si die Stadt New York, die er so gut kennt und doch nicht kennt. Die Trinity Church, die in seiner Zeit von Wolkenkratzern überragt wird, ist noch weit und breit das höchste Gebäude auf der Halbinsel Manhattan. Die Fifth Avenue eine «normale» Strasse. Die Freiheitsstatue noch im Aufbau begriffen – ihr Arm steht noch am Madison Square (was später eine Fluchtmöglichkeit eröffnet). Und die Ladies’ Mile. Si nimmt seine Freundin Kate mit und beobachtet die Aufagbe des Briefs und verfolgen den Mann zu seinem Wohnort, dem 19 Gramercy Park South.
    Nun könnte man es dabei bewenden lassen, denn dem Zeitexperiment von Ruben Prien ist erst einmal Genüge getan. Aber nein, die Neugierde siegt natürlich. Si kehrt für längere Zeit in die Vergangenheit zurück. Er steigt in der Pension am Gramercy Park ab und lernt dort die anderen Mieter kennen. Felix Grier, der eine tolle Kammera besitzt, Jake Pickering, der geheimnisvolle Briefversender, Aunt Ada, die Vermieterin und Julia Charbonneau, die Nichte der Hausherrin. Bei den geselligen Abenden – Fernsehen oder andere Zerstreuungsmöglichkeiten gab es ja nicht – brilliert Si nicht, denn er kennt die Gepflogenheiten nicht. Beim Singen schlägt er sich noch so einigermassen, doch bei einer Variante von Kofferpacken mit Grimassen verrent er sich. Er erwähnt nämlich die Tschechoslowakei, die es noch gar nicht gibt. Und auch beim Spiel Tableaux vivants weiss er sich nicht so richtig zu helfen. Hier werden bekannte Werke nachgestellt, die Si jedoch nicht kennt. Um sich aus der Affäre zu retten, zeichnet er ein Portrait von Julia in die Eisblume des Fensters. Das wiederum erregt die Eifersucht von Jake. Er ist der Ansicht, Julia sei seine Verlobte. Das artet in ein gewaltsames Händedrücken aus. Doch die Eifersucht wird sich bei einer späteren Gelegenheit noch viel extremer zeigen.
    Si findet heraus, was Jake so treibt. Er hat als kleiner städtischer Buchhalter herausgefunden, dass Jake während Jahren belastendes Material über Andrew Carmody gesammelt. Das ist ein Tycoon der Stadt, eine Art Donald Trump, der Rechnungen für Marmor verschickt, der niemals verlegt wurde und sich durch Korruption und Geldwäsche an der Macht hält. Si kehrt in die Gegenwart zurück. Dort findet er heraus, dass das Zeitreise-Projekt auf der Kippe steht. Ein anderer Zeitreisender hat mit einem vermeintlich harmlosen Trip die Gegenwart so verändert, dass ein Mensch aufgehört hat zu existieren. Es war zwar ein unwichtiger Zeitgenosse. Dennoch kriegt es der Dojen des Projekts, Dr. E.E. Danziger, mit der Angst zu tun und beschliesst, das Experiment zu beenden. Andere Mitglieder des Beirats sind anderer Meinung – denn wann hätte die Menschheit jemals ein Fortschrittsprojekt aufgegeben, bloss weil sich Gefahren eröffnet haben? – aber trotzdem ist die ganze Operation gefährdet.
    Si lässt sich nicht abschrecken und kehrt zurück. Er muss wissen, wie die Geldübergabe ausgehen wird. Zurück im Jahr 1882 findet er heraus, dass sich Julia mit Jake verlobt hat. Etwas, das er nicht zulassen will. Er sagt, er sei ein Detektiv und erzählt von der Erpressung. Julia will sich selbst überzeugen und begleitet ihn zur Geldübergabe in Jakes geheimem Büro im Gebäude, in dem bis vor Kurzem noch die Zeitung New York World publiziert worden ist. Dort verstecken sie sich und kriegen mit, dass Carmody nicht daran denkt, die geforderte Million zu bezahlen. Er schlägt Jake nieder und untersucht die Beweise. Nach längerer Zeit kommt ihm der Gedanke, es sei einfacher, die ganzen Unterlagen zu verbrennen, statt sie durchzusehen. Das tut er und zündet dabei das Gebäude an – das in einer spektakulären Feuerstbrunst zerstört wird. (Was auch den geheimnisvollen Satz im Brief erklärt: «the destruction by fire of the entire World» – man braucht nur das Wort «building» zu ergänzen.)
    Julia und Si kommen mit dem Schrecken davon. Doch wenig später werden sie vom korrupten Polizeiinspektor Thomas Byrnes verhaftet. Andrew hat sie wegrennen sehen und sie als Komplizen von Jake bei der Polizei angezeigt. Sie treffen den Mann, durchs Feuer verunstaltet und bandagiert, wie er sagt, Jake sei im Feuer umgekommen. Kann das sein? Haben Si und Julia die GEschehnisse verändert. Jedenfalls hält Byrnes sie für schuldig – woran auch kaum ei Zweifel zu bestehen scheint, nachdem die Polizei das Erpressergeld (oder Teile davon) in Sis Zimmer am Gramercy Park findet. Julia und Si können entkommen und über den Arm der Freiheitsstatue in die Gegenwart gelangen. Hier erwartet Julia einen Kultur- bzw. einen Zeitschock. Sie sieht Autos und Flugzeuge, sitzt gebannt vor dem Fernseher, kostet Convenience Food und erfährt vom Weltkrieg I. Und, zwangsläufig, auch vom Weltkrieg II. Si und Julia versichern sich ihrer Liebe – sind sich aber auch eigentlich sicher, dass keiner von beiden das Leben in der jeweils falschen Zeit verbringen kann. Und Julia kommt Jake auf die Schliche: Er hat das Feuer überlebt und sich als Andrew ausgegeben – um nun dessen Leben zu leben und den Tycoon zu markieren, wie er es schon so lange wollte.
    Das Buch endet mit einigen gröberen Eingriffen in die Geschichte – und Si, der sich für die seiner Meinung nach bessere Zeit entscheidet… ^top