«Serial» ist der Podcast, der uns allen vor Ohren geführt hat, dass Podcasts sich nicht in mehr oder minder geistvollen Laberrunden erschöpfen müssen. Sondern auch als ernsthafte journalistische Disziplin funktionieren – als Longform, quasi. «Serial» hat wie schon früher berichtet Nachahmungstäter auf den Plan gerufen. Und nebst den direkten Kopisten – wobei ich das Wort jetzt nicht so negativ meine, wie es klingt – gibt es auch diverse Produktionen, die sich in Stil und Form an dem grossen Vorbild orientieren.

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Wie gesellschaftliche Zustände zementiert werden, gerade wenn sie überwunden scheinen. (Bild: «4-2» von Cameron Nordholm/Flickr.com, CC BY 2.0)

Letzte Woche sind mir gleich zwei solcher Podcasts begegnet. Sie unterscheiden sich von «Serial», indem sie nicht im eigentlichen Sinn eine Geschichte über mehrere Episoden erzählen. Sie ähneln «Serial» aber, indem sie Musik pointiert einsetzen: Simple, eingängige Melodien, die als erzählerisches Stilmittel funktioniert, fast so wie die Musik im Film. Und sie sind collageartig konstruiert, indem zwischen die Erzählpassagen Soundbites und längere O-Töne eingeflochten sind, ohne dass deren Herkunft und Relevanz immer gleich aufgelöst wird, wie man das im traditionellen Journalismus tun müsste.

Revisionist History. Der kanadische Journalist Malcolm Gladwell rollt in diesem Podcast kleine und grosse historische Ereignisse auf und interpretiert sie neu; «The Guardian» hat darüber berichtet. Das klingt in unseren Ohren negativ, weil Revisionisten häufig die Geschichte so umschreiben wollen, wie es ihnen passt. In dem Fall geht es aber um Dinge, die bisher nicht im richtigen Licht dastanden. In der ersten Folge geht es um das Gemälde The Roll Call von der Malerin Elizabeth Thompson, die in die Männerdomäne der Malerei eingebrochen ist. Was anderen Frauen den Weg nicht etwa geebnet, sondern versperrt hat.

Das führt Gladwell zur Frage: Wie kann das sein? Er zieht als Erklärung das Self-licensing heran: Nachdem eine Frau im Museum Einzug gehalten hat und ein Bild an prominentester Stelle hängen hat, können alle anderen Frauen umso deftiger unterdrückt werden – weil die eine Frau als Feigenblatt dient und der Welt beweisen soll, dass all die Patriarchen etwas für die Frauen tun. Gladwell zeigt den gleichen Mechanismus auch beim Antisemitismus im Deutschland des 19. Jahrhunderts und bei der australischen Premierministerin Julia Gillard und ihrer bekannten misogyny speech.

Love me. Das englischsprachige Radio Kanadas beleuchtet allerhand Facetten der Liebe. In der ersten Folge geht es um ein Paar, das die Sprachbarriere mit Hilfe von Google Translate überwindet und zum Ehepaar wird. Die dritte Folge dreht sich um die Beziehung von Vätern zu ihren Söhnen und umgekehrt. Es werden reale und fiktionale Geschichten bunt gemischt und mit streiflichtartigen Elementen kombiniert. Ambitioniert und vielversprechend, aber noch nicht voll ausgereift.

Kritisieren kann man an beiden Podcasts etwas. Bei «Revisionist History» muss man Gladwell an einer Stelle vorwerfen, schlecht informiert zu sein. Er nennt Deutschland als eines der vielen Länder, bei denen es einmal eine weibliche Staatschefin gab, aber nie eine zweite. Da Angela Merkel noch im Amt ist, geht dieser Vorwurf definitiv ins Leere. Bei «Love me» gab es die schöne Idee, die erste Folge «At A Loss For Words» mit vielen fremdsprachigen Begriffen einzuleiten, für die es im Englischen keine Entsprechung gibt, und die einen besonderen Aspekt der Liebe bezeichnen. Aus dem Deutschen kam das Wort Kummerspeck, aber leider mit irgendeinem Akzent, aber keinem deutschen, ausgesprochen…

Abschliessend bleibt die Frage: Wann gibt es den ersten Serial-artigen Podcast aus der Schweiz?