In letzter Zeit habe ich mich ausgiebig mit Anwälten beschäftigt. Im richtigen Leben zum Glück nur wenig – Martin Steiger hat mir zum Routerzwang Auskunft gegeben, aber ich bin nicht verklagt oder verhaftet worden. Nein, die Beschäftigung fand hauptsächlich in belletristischer Form. Und via Netflix, wo wir mit Suits angefangen haben.

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Cicero, wie er in der Serie «Rom» portraitiert wurde. (Bild: HBO-Screenshot, Wikia)

Imperium (Wikipedia, Amazon Affiliate) von Robert Harris ist ein Roman, der den Aufstieg von Marcus Tullius Cicero zum Konsul im römischen Reich. Cicero, den wir InDesign-Nutzer vor allem von dieser für Laien völlig nutzlosen Masseinheit kennen, ist ein begnadeter Redner und Anwalt, der sich als Anwalt mit schwierigen bis aussichtslosen Fällen herumschlägt. Wie zum Beispiel dem Fall von Sthenius von Thermae, der von Sizilien stammt und dort vom Römischen Stadthalter, Gaius Verres, komplett ausgenommen wurde. Der Fall ist schwierig, weil die Sizilianer in Rom keine Lobby haben und er sich mit einem Politiker anlegen muss, der zwar korrupt bis ins Mark ist, sich durch Bestechung in Rom aber ein hervorragendes Netzwerk eingerichtet hat.

Doch Cicero schafft es natürlich, indem er sorgfältig recherchiert und mit der Hinrichtung Herennius’ genau den Fehltritt aufspürt, den auch die mit Verres verfilzten Aristokraten nicht ignorieren können. In diesem Stil verläuft Ciceros Aufstieg dann weiter: Er beugt zwar seine Grundsätze, um seine Machtbasis und seinen Einfluss auszubauen, aber er wirft sie nicht über Bord. Er lässt sich mit Pompeius ein, weist aber die Vereinnahmungsversuche von Crassus zurück. Und hält auch genügend Distanz zum charmanten Julius Cäsar, der sich schon in seinen jungen Jahren abgebrüht gebärdet.

Die Geschichte scheint sich, so weit ich das beurteilen kann, an den überlieferten Eckdaten zu orientieren und lässt die Zeitgenossen Ciceros auftreten. Die historische Kulisse wirkt authentisch, gerdade weil sie beiläufig geschildert wird, als ob sie für den Leser alltäglich und nichts Besonderes wäre. Robert Harris wendet nämlich den (literarisch beliebten) Trick an, die Geschehnisse retrospektiv aus Sicht eines engen Vertrauten von Cicero zu schildern, Tiro Miro, der erst Sekretär und Sklave, dann freier Mann ist.

Ich habe das Gefühl gehabt, so nah an den historischen Zeitgeist herangeführt worden zu sein, wie es weder der Geschichtsunterricht im Gymnasium noch die Serie «Rom» (Wikipedia/Amazon) geschafft haben. Und ich habe mich auch gut unterhalten gefühlt. Manchmal etwas langfädig, aber nie langweilig, haben die politischen Ränkespiele im römischen Senat Potenzial für Drama und Spannung.

Das Buch ist der erste Teil einer Trilogie, und ich werde mir gelegentlich auch den zweiten Teil zu Gemüte führen. Der dritte Teil scheint noch auszustehen.

Killer.com (Wikipedia/Amazon) von Kenneth Eade. Es geht um Cyberstalking, das Darknet und dessen Angebote (wie käufliche Killer) und die rechtliche Seite von Cybermobbing. Brent Marks, der Held dieser Geschichte, ist Anwalt und gerät selbst ins Visier der Internettrolle. Bei seiner Arbeit vor Gericht wird ihm selbst eine Mordanklage angehängt, die er dank eines genialen Kollegen abwenden kann.

Das klingt nach einer packenden Ausgangslage, ist aber leider dann doch dünn bis durchsichtig. Das kann daran liegen, dass es die sechste Folge einer Reihe ist und die Ausgangslage – warum Brent Marks sich im Internet derart unbeliebt gemacht hat – für Leute wie mich, die wegen des Titels mit diesem Buch eingestiegen sind, nicht näher erläutert wird. Aber auch das Thema Cyberbulling wird wahnsinnig einseitig und oberflächlich abgehandelt. Nicht, dass ich nun an dieser Stelle Lust hätte, die Trolle zu verteidigen. Allerdings wäre die Geschichte interessanter gewesen, wenn die Motive der Cyberbullies etwas tiefgründiger gewesen wären als einfach nur Boshaftigkeit.

Auch die Geschichte selbst ist kein grosser Wurf. Am besten sind die Szenen vor Gericht, die sich aber an Vorbildern wie 12 Angry Men (Amazon) messen lassen müssen und diesem Vergleich nicht standhalten. Darum: Wenn Anwalt, dann lieber Cicero als Marks.