Wo ich es doch doch letzthin von der 1990er-Fernsehserie Sliders hatte, kam mir der Roman Rewinder gerade recht. Die Geschichte funktioniert ganz ähnlich – und irgendwo habe ich sogar gelesen, der Autor Brett Battles hätte an «Sliders» mitgeschrieben – allerdings finde ich diese Quelle nicht mehr, sodass ich mir das vielleicht auch nur eingebildet habe. Eine Verfilmung von «Rewinder» kann man sich jedenfalls sehr gut mit dem «Sliders»-Hauptdarsteller Jerry O’Connell vorstellen. (Naja, wenigstens in einem Paralleluniversum, wo der Mann sein Aussehen aus «Sliders» konservieren konnte. Denn Denny Younger, die Hauptfigur in «Rewinder» steckt noch in seinen Teenager-Jahren, während der «Sliders»-Schauspieler in der hiesigen Realität auch schon 42 Jahre auf dem Buckel hat.)

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Wie wärs herausgekommen, wenn er den Unabhängigkeitskrieg nicht angeführt hätte? (George Washington, von John Trumbull, 1780, Wikipedia.org)

Also, hier vorab das Fazit ganz ohne Spoilers, gefolgt von einer inhaltlichen Zusammenfassung mit Spoilern – wie ihr das von diesem Blog gewohnt seit:

«Rewinder» ist eine unterhaltsame und streckenweise spannende Zeitreise-Geschichte. Sie geht von der Prämisse aus, dass die Realität, wie wir sie wahrnehmen, nicht der ursprüngliche, gewollte Zeitstrahl darstellt – sondern die Abweichung: So, wie das düstere, von Biff Tannen regierte 1985 in Back to the Future II. Denny Younger, der Ich-Erzähler im Buch, hat nämlich bei seinen Missionen als zeitreisender Historiker einen kleinen Fehler begangen, der unseren Zeitstrahl erst geschaffen hat. Eine Idee, die seit 1989 – als «Back to the Future II» in die Kinos kam – irgendwie auf der Hand liegt. Denn sie ermöglicht spannende Konflikte: Als Leser fühlt man sich der bekannten Realität nämlich verpflichtet: Man empfindet sie als Heimat. Und man muss daran zweifeln, im eigentlich richtigen und ursprünglichen Zeitstrahl überhaupt existent zu sein.

Diesem Dilemma ist auch Denny Younger ausgesetzt: Er lernt die alternative Realität, unsere, schnell schätzen. Und gerät in ein Dilemma, man sich als sehr unerfreulich ausmalt: Soll er seinen Fehler korrigieren – was nicht so ein grosses Problem wäre – oder soll er der vermeintlich besseren Welt eine Chance geben? Ich verrate an dieser Stelle nicht zu viel, wenn ich sage, dass bei der Entscheidung eine Frau (Iffy, alias Pamela) eine nicht unerhebliche Rolle spielt.

Das Buch funktioniert auf der Plot-Ebene ganz ordentlich, aber der Autor Brett Battles ist nun kein grosser Stilist. Was Beschreibungen, Stimmungen und sein britisches Empire angeht, verschenkt er eine Menge Potential. Wahrscheinlich kam ich auch deswegen auf die Idee, ihn für einen Drehbuchautoren zu handeln. Denn bei Verfilmungen sind die Set-Designer, Regisseure, Ausstatter und Schauspieler für die Authentizität zuständig. Trotzdem gibt es einen nach oben gestreckten Daumen: Wer literarische Zeitreisen und alternative Zeitstrahlen mag, ist mit dieser Geschichte – die offenbar den Auftakt zu einer Serie darstellt – gut bedient.

Und hier etwas mehr zum Inhalt – mit Spoilern:

Denny Younger lebt in einer Welt, in der das britische Empire nie untergegangen ist. Im Gegenteil: Es beherrscht die Welt und hat die Demokratie zu einer Staatsform gemacht, von der in den Lehrbüchern nicht die Rede ist und von der noch nicht einmal geträumt wird. Die Monarchie ist, samt einem zementierten Kastensystem, den Untertanen in Fleisch und Blut übergegangen. Auch Denny Younger findet nichts dabei, dass seine berufliche Zukunft nach der Schulausbildung von einem diagnostischen Test abhängt, der seine Fähigkeiten bestimmt und als Grundlage für eine Zuweisung dient, der er gefälligst Folge zu leisten hat.

Immerhin: Denny hat Glück. Weil er ein Geschichts-Crack ist, bekommt er einen wirklich grossartigen Job. Er wird einem Institut zugewiesen, dass die Aufgabe hat, die adligen Blutslinien über viele Generationen zurückzuverfolgen, sodass die aristokratische Abstammung der Blaublütler lückenlos belegt ist. Dazu recherchieren Denny und seine Rewinder-Kollegen in der Zeit. Denn ein Gerät namens Chaser ermöglicht relativ unkomplizierte Sprünge in die Vergangenheit.

Während seiner Ausbildung erfährt Denny, dass im Institut und im ganzen Empire die Korruption regiert. Seine erfahreneren Kollegen lassen unliebsame Forschungsergebnisse gegen Spenden fürs Institut verschwinden. Und er muss feststellen, dass er das Institut ausser für Zeitreisen nicht verlassen darf. Denn natürlich ist seine Aufgabe geheim.

Während einer Beobachtermission im 18. Jahrhundert macht er einen kleinen Fehler, der dazu führt, dass das Subjekt seiner Nachforschungen eine Taverne mit 12 Sekunden Verspätung verlässt. Das allein reicht aus, den Lauf der Geschichte zu verändern. Der Mann hätte eigentlich einen Aufständischen verpfeifen sollen. Stattdessen findet er den Tod. Das hat zur Folge, dass der Aufständische – sein Name ist George Washington – seinen Aufstand durchführen kann. Die Folgen sind die Gründung der Vereinigten Staaten. Und der Untergang des Empires.

Das stellt Denny fest, indem die Realität nach seiner Rückkehr in die Gegenwart eine komplett andere ist. Er findet schnell heraus, was passiert ist. Und er entscheidet sich, seinen Fehler gutzumachen. Das ist simpel genug: Er muss zurückreisen und sich selbst am Betreten jener Taverne hindern. Doch bevor er das tut, will er mehr über die neue Realität herausfinden. Das tut er – und erfährt von den Freiheiten in dieser Realität. Hier hätte seine Schwester nicht an einem Tumor sterben müssen, weil es medizinische Versorgung für Angehörige seiner Kaste (Stufe 8 im durchnummerierten hierarchischen System) nur in geringem Umfang gibt. Er begegnet auch Iffy, die vom Chaser in dieser Realität mit seinem Partner aus der Original-Realität verwechselt wird. Sie zeigt ihm ihre Welt – damit er weiss, was er zum Untergang verurteilt, wenn er seinen Fehler behebt.

Denny entschliesst sich für diese neue Realität. Doch um sie beizubehalten, es ist nicht einfach damit getan, wenn er seinen Fehler im 18. Jahrhundert nicht behebt. Einige seiner Kollegen, die während des Zwischenfalls ebenfalls in der Vergangenheit weilten, sind ebenfalls in der neuen Realität angekommen und versuchen nun herauszufinden, was passiert ist. Er muss also seinen Fehler zurückkorrigeren und dafür sorgen, dass seine Kollegen allesamt dorthin zurückkehren, wo sie seiner Meinung nach hingehören. Gleichzeitig will er seine Schwester in die neue Realität hinüberretten, wo ihr ausreichend medizinische Pflege gewährt werden kann1. Das ist eine logistische Herauforderung, die Denny denn auch nicht ganz fehlerfrei meistert. (Schliesslich ist das Buch ja der Auftakt zu einer ganzen Serie…)

Footnotes

  1. Dazu würden uns Europäer die eine oder andere Bemerkung zum amerikanischen Gesundheitssystem einfallen, Obama care hin oder her… ^top