«Serial» hat seinerzeit in der Podcast-Welt Wellen geworfen (siehe hier und hier). Die Podcast-Reihe, die eine Geschichte in mehreren, kontinuierlich recherchierten Folgen erzählt, ist im Moment in der zweiten Staffel. Es geht in dieser zweiten Staffel um das scheinbar unerklärliche Verschwinden des US-Sergeants Bowe Bergdahl, der unter dubiosen Umständen in die Gefangenschaft der Taliban geriet und fünf Jahre in Afghanistan und Pakistan ausharren musste. Die neueste Folge (5 O’Clock Shadow) hat mich an meine Rekrutenzeit erinnert, obwohl ich zugegeben nie in Afghanistan war. Aber dieses Disziplingetue in Situationen, wo es absolut sinnlos ist – da wäre ich auch davongelaufen.

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Warum nur?

Ende letzten Jahres hat der Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) dieses Format aufgegriffen und in seiner neunteiligen Recherche «Wer hat Burak erschossen?» versucht, dem bislang ungeklärten Mord am türkischstämmigen Jugendlichen Burak Bektaş auf den Grund zu kommen. Burak wurde 2012 auf offener Strasse erschossen, wobei auch zwei seiner Freunde verletzt wurden. Ein Motiv für die Tat hat die Polizei bislang nicht entdecken können. Ebensowenig wie einen Tatverdächtigen oder überzeugende Anhaltspunkte. Auch die Süddeutsche hat im letzten Jahr über den Fall berichtet. Mich hat der Fall auch sehr ans Buch «Todesengel» von Andreas Eschbach erinnert (Zeit für Superhelden?). Das ist 2013 erschienen und könnte zumindest theoretisch vom Fall Burak Bektaş inspiriert worden sein. Auffällig ist jedenfalls, dass im Quartier, wo der Mord stattfand, die Strassen alle Vogelnamen tragen. Die Strassennamen sind auch bei Eschbach ungewohnt idyllisch…

Zurück zum eigentlichen Thema: Im Podcast arbeitet Radioredakteur Philipp Meinhold mit den aus «Serial» vertrauten Mitteln: Collageartig werden O-Töne von Zeugen zu den Erzählungen des Autors montiert und mit Spannungsmusik unterlegt. Die Erzählweise ist persönlich und reflektiert auch die Recherche selbst – inklusive Sackgassen und Selbstzweifeln. (Auch wenn letztere bei Sarah Koenig noch grösser waren als hier bei Meinhold.) Und ohne zu viel zu verraten, kann man sagen, dass eine Gemeinsamkeit der beiden Produktionen darin besteht, dass am Schluss nichts wesentlich Neues herauskommt – es ist also (leider) nicht so, dass die Journalisten dort Durchbrüche erzielen, wo die polizeilichen Ermittler gescheitert sind.

Meinhold stellt zuerst im persönlichen Umfeld des Opfers nach und findet dort nichts, was einen Mordanschlag erklären würde. Es spricht vielmehr alles für eine Zufallstat: Es war nämlich nicht absehbar, dass sich das Opfer zum Tatzeitpunkt am Tatort aufhalten würde – was einen gezielten Anschlag unwahrscheinlich macht. Meinhold weist aber nach, dass der Anschlag auf zufällige Opfer zu rechtsextremen Tätern passen würde. Er kann belegen, dass im Berliner Bezirk Neukölln rechte gewaltbreite rechte Exponenten zu finden sind, die Kritiker einschüchtern, gegen Ausländer und Secondos hetzen und Gewaltpotenzial zeigen. Insbesondere die so genannten Reichsbürger geraten ins Visier. Der Journalist wirft in der Folge 6 den Ermittlern vor, auf dem rechten Auge blind zu sein und nichts aus den NSU-Morden gelernt zu haben. Andererseits muss er auch die Frage einräumen: Wo sollte die Polizei denn anfangen, wenn es keine heisse Spur gibt?

Immerhin eine Spur gibt es: Ein 31-jähriger Engländer wurde im September 2015 von einem 62-jährigen Mann erschossen, der schon bei den Ermittlungen zum Fall Burak von einem Zeugen ins Spiel gebracht wurde.

Fazit: Das Anknüpfen an «Serial» ist gelungen: Auch der RBB gelingt die Mischung aus spannender Unterhaltung und persönlicher Betroffenheit – und die Vermittlung der Botschaft, dass Polizeiarbeit in Realität nicht so glamourös und widerspruchsfrei ist wie bei «CSI». Am eindrücklichsten sind die Momente, in dem Philipp Meinhold die Qualen der Freunde und Familie schildert, die den Anschlag zwar überlebt haben, aber nun mit den Verletzungen und den quälenden Fragen weiterleben müssen…

Es gibt diese multimediale Produktion als Webdoku und als Podcast. Der Feed findet sich hier.