Warum noch lokale Software installieren, wenn es doch viele schöne Webapps gibt? Bei Office stellt sich die Frage inzwischen ernsthaft.

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Polarr: Das Lightroom-Feeling im Browser.

Bei der Bildbearbeitung lässt sich feststellen, dass es inzwischen eine Latte von Webapps gibt: Polarr, Pixlr-o-matic und Pixlr, Aviary (offenbar von Adobe weggekauft), Fotor, Canva (eigentlich mehr eine Layout-Software), Pic Monkey, Befunky (vor Urzeiten hier vorgestellt), Ribbet, LunaPic oder Sumo Paint. Und noch ein paar andere dazu. Namentlich auch Photoshop Express, von dem nachher noch die Rede sein wird.

Es drängt sich an dieser Stelle die Frage auf: Sind diese Apps (einige davon gratis, manche Freemium) gut genug, um Photoshop Elements oder Gimp zu ersetzen? Ich bin skeptisch. Für Formatunwandlungen eignen sich Webapps bestens (siehe JPGs kleinkriegen und Das gleiche in Grün für PNGs). Doch auch für weitergehende Arbeiten? Die Bildbearbeitung stellt nach wie vor relativ grosse Anforderungen an die Software. Da mein Browser mit seinen zwanzig bis fünfzig offenen Tabs häufig am ressourcemässigen Limit läuft, würde ich nicht noch ein 16-Megapixel-Bild in einem weiteren Reiter zur Bearbeitung öffnen wollen. Und eben – erst muss man das 16-Megapixel-Bild überhaupt in den Reiter hineinkriegen, das heisst, in die Foto-App hochladen. Ist man mit der Arbeit fertig, wäre wiederum ein Download und eine lokale Speicherung nötig.

Diese Datentransfers macht die Sache unpraktisch. Allerdings fallen sie weg, wenn sich die Bilder bereits in der Cloud befinden. Und da der Trend bekanntlich in diese Richtung geht (Google Fotos, iCloud, Dropbox, Flickr, Onedrive), werden auch die Bildbearbeitungs-Webapps Aufwind erfahren. Allerdings mutmasslich mit weniger Flexibilität als heute. Oder ist denkbar, dass etwa Google Fotos ein anderes Online-Bildbearbeitungswerkzeug anbietet als das eigene? Die fehlende Interoperabilität zwischen den Webdiensten ist ein riesiges Manko.

Änywei. Ich dachte jedenfalls, es sei an der Zeit, mir mal ein paar dieser schönen Apps vorzuknöpfen (für alle reicht leider meine Freizeit nicht). Die Auswahl ist willkürlich, indem ich die Apps genommen habe, deren Landing Pages mir am besten gefallen haben. Ich weiss: Oberflächlicher geht es kaum. Aber so ist das nun mal in der Welt, in der wir heute leben. **g**

Photoshop Express (photoshop.com/tools)
Adobes Webapp hat eine flüssige, angenehm übersichtliche Benutzeroberfläche, die aber nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass dieses Programm nicht fürs Heavy Lifting, sondern für den Foto-Quickie zwischendurch gedacht ist.

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Photoshop Express ist nicht bis ins letzte Detail zu Ende gedacht.

Die Werkzeuge sind in die zwei Hauptbereiche Edit und Decorate gegliedert. Bei Edit gibt es die Standardwerkzeuge fürs Beschneiden, Drehen, die automatische Bildkorrektur, Belichtung und man findet den (offenbar zwingenden) «Mach mal die roten Augen weg»-Knopf. Gibt es eigentlich so viele Albinos, dass man den wirklich benötigt? Mit Saturate jedenfalls passt man die Sättigung des Bildes an. Touchup macht simple automatische Retuschen.

Im Bereich Adjustments korrigiert man den Weissabgleich und Spitzlichter, kann nachbelichten und abwedeln (Dodge und Burn), schärfen oder weichzeichnen.

Das Angebot unter Effects ist bescheiden und willkürlich, wenn man von der zwingenden Funktion zur Schwarzweiss-Umwandlung absieht: Crystallize vergröbert das Bild in unregelmässige Flächen, Sketch gibt ihm ein skizzenhaftes Aussehen. Distort wölbt es nach innen oder aussen – etwas, das man wohl nur sehr selten tun möchte. (Es sei denn, man kann dadurch zufällig eine Objektivverzerrung korrigieren). Pixelate nimmt, wie der Name schon sagt, eine Verpixelung vor. Das könnte nützlich sein, wenn man sie auf Teile des Bildes anwenden könnte. Dann wäre es möglich, Details vor der Veröffentlichung eines Bildes unkenntlich zu machen. Als Blogger oder Journalist muss man das recht häufig tun, um die eigene oder fremde Privatsphäre zu wahren. Da Photoshop Express aber nur das ganze Bild verpixelt, darf man die Funktion als Mumpitz bezeichnen.

Pop Color boostet eine bestimmte Farbe im Bild und nimmt die anderen zurück: Ein netter Effekt, den man allerdings auch nicht überstrapazieren sollte. Und via Tint kreiert man eine eingefärbte Monochromfassung und verpasst dem Bild beispielsweise den allseits beliebten Sepia-Ton.

Unter Decorate > Graphics platziert man Text – seltsamerweise kann man im Vollbildmodus aber keine Texteingaben machen –, Sprechblasen, Post-it-Notizzettel oder Tierpfoten, Party-Cliparts im Bild oder legt einen Rahme um die Aufnahme. Dieses Feature ist selbst für Adobe-Verhältnisse etwas gar infantil geraten.

Fazit: Photoshop Express hat einen Funktionsumfang, der so eingeschränkt ist, dass das Programm weder Photoshop noch Photoshop Elements auf die Füsse tritt. Dennoch macht sich bei einigen Werkzeugen Adobes Expertise bemerkbar, sodass ich diese Webapp trotz ihrer Limiten empfehlen kann.

Polarr (polarr.co)
Dieses Produkt gibt es nicht nur für den Browser, sondern auch als App für Android und iOS. Die Webanwendung hatte in Firefox das Problem, dass zwar die Werkzeuge, nicht aber das zu bearbeitende Bild sichtbar war. Heisst: Leider unbrauchbar.

Mit Google Chrome harmoniert die App. Arbeiten kann man nicht nur mit lokalen Bildern, sondern auch mit Beständen von Dropbox, Flickr, Facebook, Box, Google Drive, Picasa, Onedrive, Evernote und Instagram – das ist bezüglich Interoperabilität ein Hoffnungsschimmer.

Die offensichtliche Stärke von Polarr ist die Nachbearbeitung von Farben und Belichtung. Es gibt am rechten Rand eine Auswahl von Looks, die teilweise ein bisschen instagramig daherkommen, andererseits aber absolut brauchbar sind. Am rechten Rand findet sich ein Histogramm und darunter Werkzeuge, die auch dem professionellen Anspruch standhalten: Farbtemperatur, Farbtonung, Belichtung, Gamma, Kontrast, Lichter, Schatten, Schwarz und Weiss, Klarheit (lokale Kontraste), Lebendigkeit und Sättigung kann man beeinflussen. Darunter findet sich die Gradationskurve, bei der man den Rot-, Grün- und Blaukanal separat einstellt.

Scrollt man nach unten, kommen weitere Werkzeuge zum Vorschein: Korrekturmöglichkeiten im HSV-Farbraum (Farbwert, Sättigung und Hellwert oder Hue, Saturation und Luminance bzw. HSL). Man kann eine Teiltonung (Split Toning) vornehmen, unter Details Schärfen und Entrauschen, Objektivverzerrungen wegrechhnen, Korn simulieren und eine Vignette hinzufügen. Bei Chromatic Shift simuliert man sogar eine chromatische Aberration, was mir als kurzsichtigem Brillenträger natürlich besonders gut gefällt.

Fazit: Polarr ist eine Webapp, die sich auf ein klar umrissenes Teilgebiet der Bildbearbeitung einschiesst und seine Aufgabe sehr gut macht. Für die farbliche Nachbearbeitung kann die App für einfachere Fällen sogar Lightroom ersetzen.

Pixlr-o-matic (pixlr.com/o-matic)
Diese Webapp ist etwas für verspielte Gemüter. Sie hat ein simples Klickibunti-Interface. Man peppt sein Bild auf, indem man vorgefertigte Effekte, Overlays und Rahmen zuweist. Unter Effects gibt es sieben Kategorien mit insgesamt genau 100 Effekten – genug, um sich von den Instagram-Standards abzusetzen.

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Wie Instagram, nur (ein bisschen) besser!

Overlays sind Bildelemente, die mit dem Foto überblendet werden und technische Unzulänglichkeiten wie chemische Beschädigungen (Chem burn), Lichteinfall (Leaks) simulieren, bestimmte fotografische Effekte wie Bokeh, Lichtmalerei nachbilden, besondere Hintergründe (Leinwand, Gewebe) einfügen oder bestimmte Looks wie Farbüberlagerungen oder Grunge-Anmutung hinzufügen. Unter Borders findet man, natürlich, mehrere Dutzend Rahmen.

Wenn einem gar nichts einfällt, kann man auch auf den Zufallsknopf drücken und nehmen, was kommt.

Die klassischen Werkzeuge fehlen bei Pixlr-o-matic. Das einzige, was man mit seinem Bild sonst noch tun kann, ist den Zuschnitt zu verändern.

Fazit: Nicht unbedingt das ultimative Profi-Werkzeug. Aber zum Spielen und für die Inspiration ganz hübsch.