Jede Generation hat ihre Ängste, behauptet der Klappentext zu Stephen Kings Buch Mr Mercedes von 2014 (Deutsche Fassung bei Amazon, englisches Original bei Amazon). Und Stephen King ist der Mann, der diese kollektiven Ängste zu bewirtschaften weiss. In «Mr. Mercedes» ist es ein «lone wolf», der sich autodidaktisch zum Terroristen entwickelt. Mit dem Islam hat das nichts zu tun – denn der ist gar nicht nötig. Eine alkoholkranke Mutter, einige Schicksalsschläge in der Jugend und eine verquere Psyche reichen völlig aus, um zum homegrown Soziopath zu werden.

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Der Computersupporter ist der Böse?
Natürlich, zu kritisieren wäre, dass der Antagonist namens Brady Hartsfield ein Computerfreak ist, der für die Elektronikkette Discount Electronix als Computersupporter (und nebenbei als «Mr. Tastey»-Eismann) arbeitet – und wir Nerds es nicht mögen, wenn man Nerdtum mit Irresein verwechselt. Allerdings tut das King nicht – denn auch seine Protagonisten sind Nerds. Die eigentliche Hauptfigur, Kermit William «Bill» Hodges, ist kein Nerd, sondern ehemaliger Polizist. Hodges frisst sich nach seiner Pensionierung vor lauter Langeweile und wegen dem Gefühl der Nutzlosigkeit fast zu Tode, und er probt mit der Pistole seines Vaters den Suizid. Er erwacht wieder zum Leben, als er die Gelegenheit bekommt, einen unaufgeklärt gebliebenen Fall neu aufzurollen – den sinnlosen Amoklauf mit einer Mercedes-Limousine, bei der vor einem Jobcenter arbeitslose Männer und Frauen mit Kindern niedergewalzt wurden.

Jerome Robinson, der 17-jährige schwarze Nachbarsjunge seinerseits kennt sich bestens mit Computern aus. Die dritte im Bund ist Holly Gibney. Sie ist psychisch verkorkst, Kettenraucherin und wie der typische Nerd nicht gesellschaftsfähig. Aber im Gegensatz zu dem misanthropen Todesfahrer hat sie nur auf die Chance gewartet, sich als nützliches Mitglied der Gesellschaft zu erweisen. Und so ist es sie, die am Schluss…

Die Unsicherheit ist überall
… naja, um der lieben Spannung willen sage ich jetzt nicht, ob es ein Happy End gibt oder nicht. Als Fazit lässt sich sagen, dass diese Geschichte auch hervorragend ohne eine Figur wie Randall Flagg aus The Stand auskommt, die dort das Böse per se personifiziert. Hartsfield ist umso gruseliger, weil er ein Mensch ist – ein fehlgeleiteter zwar, aber einer, wie er in einer entsolidarisierten Gesellschaft, die auch einen Anders Breivik hervorgebracht hat, offenbar unvermeidlich ist. King lässt einen nach der Lektüre mit der Gewissheit zurück, dass es in so einer Welt keine Sicherheit gibt – nur die Hoffnung auf Menschen, die ihrerseits den Glauben an die Gerechtigkeit nicht verloren haben und dank der richtigen Freunde im richtigen Moment den Helden und die Zivilcourage in sich entdecken.

Eine starke Geschichte, die von tollen Charakteren lebt und von einer wirtschaftskriselnden, deprimierten Stimmung angetrieben wird und den Zustand der immer dysfunktionaler werdenden US-amerikanischen Gesellschaft treffend reflektiert.