Podcasts feiern dieses Jahr ihren zehnjährigen Geburtstag1. Podcasts sind im Lauf von 2004 ins Bewusstsein vieler Leute getreten. Den meisten ging es wohl wie mir: Sie wurden auf das neue Medienformat aufmerksam, weil mit iTunes 4.9 plötzlich ein Programm auf ihrem Computer vorhanden war, mit dem man selbiges nutzen konnte. Ich war damals mit dem ersten iPod Shuffle unterwegs. Das war das lange Ding, das aussah, wie ein USB-Stick und auch genauso an den Computer angeschlossen wurde. Und der für Podcasts denkbar ungeeignet war. Ich bin mir nicht sicher, ob er sie überhaupt abspielte. Ich hatte darum einen Ausweich-Player. Ich glaube, von Creative – aber auf eine verbindliche Aussage versteife ich mich nicht.

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So hat sich das Apple mit den Podcasts ausgemalt. (Aus der ersten Version der iOS-Podcast-App von 2012.)

Ernsthaft ging es für mich 2006 mit den Podcasts los – Happy Shooting und This Week in Tech waren ab da Pflichtprogramm und im Herbst 2006 ging unser eigener Podcast an den Start, der Digitalk. Seit da hat sich mein Spektrum stark erweitert. Podcasts sind zu einem wichtigen Bestandteil meiner Informationsversorgung geworden. Und folgendes sage ich jetzt in der Hoffnung, dass mein Arbeitgeber nicht mitliest: Ich könnte inzwischen wohl eher auf die Tageszeitung als auf meine Podcasts verzichten.

Auf halber Strecke ging die Luft aus
Trotzdem bin ich nicht hier, um zu loben. Nachdem dieses neue Format vor zehn Jahren so verheissungsvoll gestartet ist, hat es sein Potenzial nicht ausgeschöpft. Ich habe nun keine Studie, die das belegen würde – aber nach meiner Wahrnehmung sind die Podcasts ein Nischen-Phänomen. Die Nerds setzen es als Mittel ein, ihren übermächtigen Informationshunger wenigstens zeitweise zu besänftigen. Für die breite Masse sind Podcasts inexistent – oder allenfalls ein Mittel, eine verpasste SRF-Sendung nachzuhören oder -sehen. Oder kennt ihr einen Podcast, der die öffentliche Diskussion in irgend einer Form beeinflusst hätte? Hat schon jemals ein Politiker, Journalist oder Wissenschaftler einen Podcast als Referenz herangezogen oder vor Publikum aus diesem Medium zitiert? SMD, die Schweizer Mediendatenbank, führt für die letzten 12 Monate gerade 174 Artikel zum Stichwort «Podcast» auf. (Vier davon stammen übrigens von mir.)

Zum Vergleich: Zu Youtube gibt es 9444 Dokumente. Spotify: 845 Beiträge. Netflix: 1727 Artikel. Natürlich sind bei diesem Vergleich Äpfel und Birnen mit im Spiel. Aber dass sich Podcasts als neues Medium nicht etabliert haben, sieht man auch daran, dass sogar Soundcloud mit 184 Artikeln mehr Resonanz in der Presse erfahren hat. Soundcloud als einzelne Audioplattform hat mehr Strahlkraft als die Podcasts, die eine eigene Medienform darstellen, die hierzulande von den elektronischen Medien breit unterstützt wird.

Streaming übrigens: 3328 Artikel. You get my point. Stellt sich die Frage, warum die Podcasts nicht aus ihrer Nische gefunden haben. Erstens war und ist der Name schlecht. Zu sperrig, zu sehr mit der Apple-Marke iPod verbunden, irreführend. Grossartig dazu die Diskussion im sprachlog.de zur Frage, wie man den Podcasts auf Deutsch sagen könnte:

Aufzeichnung für neuartige Rundfunkgeräte zum zeitsouveränen Nachhören — kurz: AufzRuFZsn

Die Vorschläge umfassten ferner auch: Netzschau, Netz-Abo, Netzsendung, Abruftonangebot, Abrufsendung und Weltnetzradioabrufangebot? Wie der Beitrag erwähnt, kam auch die Idee der wortwörtlichen Übersetzung auf: Hülsenwurf, nämlich.

Keine Lust, aus der Nische zu kriechen
Nicht nur der Name ist sperrig. Dass man Podcasts abonnieren kann oder muss, impliziert für Uneingeweihte eine Kostenfolge. Und die Nutzung war ursprünglich für die Nicht-Nerd-Bevölkerung zu kompliziert: Man hinterlegt den RSS-Feed im Podcatcher. Der speichert neue Folgen lokal. Diese müssen zum mobilen Konsum dann aufs tragbare Gerät synchronisiert werden. Mit Podlove ist eine Initiative im Gang, die die technischen Hürden abbauen soll. Sinnvoll und wichtig, da Apple Podcasts früher förderte, heute aber scheinbar das Interesse daran verloren hat.

Das eigentliche Problem liegt IMHO aber daran, dass die Podcaster selbst gar nie Lust hatten, ihre Nische zu verlassen. (Leo Laprte jetzt mal ausgeklammert.) Das Podcasten ist für viele Podcaster ein Hobby, das vor allem ihnen selbst Spass machen soll. Das ist in Ordnung, denn Freude an der Arbeit ist eine hervorragende Motivation. Nicht vergessen gehen sollte dabei allerdings der Zuhörer.

Ich orte konkret folgende Probleme:

  • Podcasts sind zu lang.
    Während anfänglich eine Stunde eine typische Länge war, begegne ich heute oft Sendungen von zwei, drei, vier oder sogar fünf Stunden. Das ist eine riesige Einstiegshürde. Ich habe schon oft Podcasts allein deswegen nicht gehört oder abonniert, weil man von mir ein viel zu grosses Zeitinvestment verlangt hat.
  • Podcasts sind zu wenig strukturiert.
    Das hat sicher damit zu tun, dass Podcasts heute noch als Gegenentwurf zu den klassischen elektronischen Medien produziert werden: Während eine Radiosendung ein unumstössliches Zeitlimit und einen strengen Ablauf hat, zelebrieren die Podcaster die Freiheit, tun und lassen zu können, was sie wollen. Doch ganz ohne Plan stellt sich halt auch keine Dramaturgie und kein Spannungsbogen ein. Ein Script und der Vorsatz, sich auf thematisch zu konzentrieren, ist nichts Verwerfliches. Wenn dann eine tolle Diskussion entsteht, die man ohne Zeitlimit laufen lassen kann – umso besser.
  • Podcaster haben das mit der Hörerführung nicht begriffen
    Der Versuch, mit Shownotes nachträglich Ordnung ins Chaos zu bringen, reicht nicht. Eine Inhaltsübersicht für den Hörer gehört in die Sendung – damit der weiss, worauf er sich einlässt und ob seine Zeit gut verwendet ist.
  • Podcaster sind faul.
    Sonst würden sie den Soundcheck vor Beginn der Aufzeichnung machen.
  • Podcasts sind zu selbstreferentiell.
    Auch das ist natürlich eine Folge, dass man sich als Gegenkultur versteht. Während klassische Medien die Einstellung haben, dass sich die Rezipienten nicht für die Produktionsumstände interessieren, kann und darf man die in Podcasts und Blogs thematisieren – das hat oft einen Erkenntnisgewinn und schafft Hörerbindung. Andererseits sollte man den Bogen nicht überspannen: Skype-Verbindungsprobleme in Echtzeit zu besprechen, ist strunzlangweilig. Die kann und darf man einfach rausschneiden und, wenn es sein muss, am Ende in einem Outtake thematisieren.
  • Podcaster sind zu selbstverliebt.
    Sich selbst gern reden zu hören, ist keine ausreichende Voraussetzung und nicht jeder ist ein Standup-Comedian. Es gibt ein paar Leute, denen ich das Talent zubillige, in einem reinen «Labber-Format» ohne thematische Leitplanken zu überzeugen. Das Gespann von Holgi und Tim Pritlove würde ich dazuzählen. (Es sei denn, einer von beiden hatte schlechte Laune.) Die Mikrodilettanten haben manchmal gute Momente. Alexandra Tobor zaubert in der Wrintheit oft Gedankengänge aus dem Hut, die mir die Sprache verschlagen. Das ist aber eben die Ausnahme, und nicht die Regel.
  • Podcaster haben Scheuklappen auf.
    Das sage ich jetzt als jemand, der mit Technik und Verschwörungstheorien selbst typische Podcast-Themen beackert: Die Welt braucht nicht noch einen Apple-Podcast oder eine Wir-machen-uns-über-Chemtrails-Lustig-Show. Es gibt jedoch viele brachliegende Themen – typischerweise jene, die die Nerds nicht so interessieren. Ein guter Geschichts-Podcasts à la Hardcore-History in Deutsch, eine Sendung zur Schweizer Politik, eine für Laien hörbare Wirtschafts-Show – hätte in meinem Instacast2 alles noch Platz!

Footnotes

  1. … wollte ich schreiben, bevor mir aufgefallen ist, dass das eine Unfug-Formulierung ist. Podcasts sind keine Lebewesen. Sie werden nicht geboren und haben darum keinen Geburtstag. Ausserdem: Wie will man technische Innovationen datieren? Gilt der Tag der Idee? Der technischen Realisation eines funktionierenden Prototyps? Der allgemeinen Verfügbarkeit für die Käufer oder Nutzer? Oder der Tag des Durchbruchs? Da fällt auf: Es gibt dann doch wieder Parallelen zum Geburtstag von uns Menschen. Genauso wenig, wie man den Moment der Zeugung hinterher noch zeitlich verorten kann, lässt sich die Empfängnis einer Idee hinterher noch unmissverständlich festschreiben. Die Geburt lässt diesbezüglich keine Fragen offen. Darum sollten man das auch mit Jubiläen von Erfindungen und Innovationen so handhaben. ^top
  2. Meine Lieblings-Podcast-App fürs iPhone, die ich hier allerdings tadeln muss. Ich habe neulich entdeckt, dass sie fast zwei Gigabyte mobile Daten verbraten hat, obwohl ich ihr das in ihren eigenen Einstellungen verboten habe. Uncool! ^top