Normalerweise begrüsse ich digitale Medien mit offenen Armen. Bei den Büchern war das nicht der Fall. Da brauchte es einiges an Angewöhnung, bis ich mich mit digitalen Büchern anfreunden konnte. Doch heute ist der Wechsel vollzogen. Zum Glück: Wir sind kürzlich umgezogen. Und eben: Es einen riesengrossen Unterschied, ob man seine Büchersammlung in digitaler oder in papierener Form transportieren muss.


Der E-Book-Reader nach der Vorstellung des Jeff Bezos ist ein Büchergefängnis.

Jetzt habe ich mich für einen neuerlichen Wechsel entschieden. Ich sage dem Kindle 3 adieu und wechsle zum Tolino. Ich habe sowohl den Shine, das erste Modell, als auch den Nachfolger Vision zum Testen erhalten und nun auch den Vision 2 als Leihgerät unter die Lupe genommen.

Das Gerätedesign ist nicht gerade inspiriert – aber abgesehen davon haben die deutschsprachigen Buchhändler bei ihrem gemeinsamen Projekt das allermeiste richtig gemacht. Während die Bedienung beim ersten Modell noch etwas hakelig war, benutzt sich die neueste Variante des Lesegeräts flüssig. Dass es nun wasserdicht ist, kommt mir als altem Badewannenleser sehr entgegen. (Es ist darauf ausgelegt, ein Bad von einer halben Stunde in einem Meter Tiefe in Süsswasser zu überleben.) Gelungen ist auch «tap2flip»: Mit dieser Funktion kann man nun nicht mehr nur durch eine Wischgeste übers Display umblättern, sondern auch, indem man auf die Rückseite tippt. Wenn man den Tolino mit einer Hand zwischen Daumen und Mittelfinger und Ringfinger klemmt, braucht man fürs Umblättern nur mit dem Zeigfinger zweimal aufs Gehäuse zu tippen – einfacher als bei jedem gedruckten Taschenbuch. Mit seinen 174 Gramm ist er nicht so leicht, wie ich ihn mir wünschen würde. Aber immer noch leichter als das durchschnittliche Hardcover.

Funktional auf der Höhe
Eine wichtige Funktion für ein elektronisches Lesegerät sind die Notizen. Der Vision 2 muss sich in dieser Sache nicht lumpen lassen. Durch Tap and Hold (Antippen und den Finger gedrückt halten) markiert man ein Wort. Über zwei Anfasser am Anfang und Ende der Markierung dehnt man diese auf einen Satz oder Abschnitt aus. Markierungen werden dann, mit oder ohne Notiz des Lesers, in einer Datei Meine Notizen.txt in der Bibliothek gespeichert. Man kann auf diesem Weg das markierte Wort auch in einem ein- oder zweisprachigen Wörterbuch nachschlagen, muss dafür aber erst das passende Wörterbuch herunterladen1.

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Texte markieren, Wörter nachschlagen und Notizen verwalten.

Eine Funktion wie die Public Notes des Kindle gibt es bislang nicht. Ich habe diese Funktion geschätzt, denn sie zeigte einem durch eine dezente Unterstreichung populäre Stellen direkt im Buch an. Klar, matchentscheidend2 ist das nicht – bemängeln muss ich allerdings, dass Meine Notizen.txt nicht automatisch mit der Cloud synchronisiert wird und entsprechend auch nicht in der verbundenen App auftaucht. (Das ist in meinem Fall die Thalia-App, da ich diesen Store hinterlegt habe.) Wenn der Reader per USB mit dem Computer verbunden wird, findet man seine Notizen jedoch als Textdatei direkt im Root-Verzeichnis.

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Die markierten Textstellen und Notizen landen in einer Textdatei, die per USB auch auf den Computer gelangt.

Mein vier Jahre alter Kindle sieht im direkten Vergleich alt aus: Keine eingebaute, zuschaltbare Beleuchtung und viel träger beim Umblättern. Das berühmt-berüchtigte Flackern, das beim Tolino Vision 2 nach jedem sechzigsten Umblättern zu beobachten ist, gibt es beim Kindle 3 jedes Mal. Klar, dieser Vergleich ist ungerecht. Vier Jahre sind bei den E-Readern eine Ewigkeit. Der Kindle Voyage kann durchaus dagegen halten – hier blättert man via PagePress-Funktion um, indem man auf den Rand drückt.

Das Rennen bei den modernen E-Readern ist somit grundsätzlich offen. Das ist insofern bemerkenswert, weil es die Buchhändler aus dem deutschsprachigen Raum geschafft haben, gegenüber Amazon aufzuholen. Obwohl das Rennen vor vier Jahren, als ich den Kindle 3 gekauft habe, für entschieden und Amazon als der grosse Sieger galt.

Unentschieden bei Preis und Sortiment
Die Hardware ist heute ebenbürtig – für welches Gerät soll man sich also entscheiden? Ein gutes und nahe liegendes Argument ist das Buchsortiment. Das zu vergleichen, ist jedoch schwierig, zumal man beim Tolino mehrere Stores verbinden kann3. Meine Stichproben gingen eher zugunsten von Amazon aus – das George R. R. Martin’s A Game of Thrones 5-Book Boxed Set gibt es bei Amazon.com für 27 Dollar, bei Thalia für 79.90 Franken. Andererseits ist das Amazon-Angebot bei manchen meiner Lieblings-Autoren recht dünn. Petros Markaris, beispielsweise: Im englischsprachigen Kindle-Store gibt es nur Che Committed Suicide (Deutsch: Live!), während bei Thalia.ch immerhin elf Titel aufzufinden sind. Bei amazon.de sind es neun Titel.

Da gilt es abzuwägen, ob einem der Preis oder die Auswahl wichtiger ist. Beim Preis gewinnt nach meiner oberflächlichen Stichprobe Amazon, bei der Auswahl europäischer und einheimischer Titel. Bleibt die Frage nach der Offenheit. Amazon hat diesbezüglich einen schlechten Ruf: Der Reader ist untrennbar mit dem Amazon-Store verknüpft. Bekanntermassen kann Amazon sogar Bücher vom Lesegerät löschen oder den Zugang zur Buchsammlung ganz sperren. Das ist beim Tolino in der Form nicht möglich – auch wenn es auch bei diesem Gerät eine digitale Rechteverwaltung (DRM) gibt. Solche Kopierschutzmassnahmen können, man weiss es, sich auch gegen den legitimen Käufer und Besitzer wenden. Das DRM beim Tolino stammt von Adobe – und basiert damit auf einer Technik, die genauso proprietär ist wie die von Amazon.

Sympathie für den Underdog
Der Tolino gibt sich zwar offen, kann dieses Versprechen aber nicht einlösen. Echte Offenheit liesse sich nur durch den Verzicht auf eine digitale Rechteverwaltung realisieren. Trotzdem gebe ich dem Tolino den Vorzug, und zwar letztlich aus ideologischen Gründen – aus Sympathie für den «Underdog» und weil nach meinem Geschmack Amazons globaler Einfluss jedes gesunde Mass längst überschritten hat. Was das bedeutet, hat der so genannte «Bücherkrieg» gegen den französischen Verlag Hachette gezeigt.

Amazon verdient Bewunderung für die effiziente Logistik, die zukunftsgerichteten Ideen zur Zustellung und den kundenfreundlichen Preisplänen – Beispiel Flatrate. Wenn man davon absieht und das Charisma eines Jeff Bezos ausser Acht lässt, ist Amazon ein Unternehmen, dem ich mich nicht zusehr ausliefern will: Steuerdeals mit Luxemburg, Ausbeutung als Teil des Geschäftserfolgs, Patent-Trolling, gruselige Produkte wie Echo. Und das gescheiterte Fire phone, das eigentlich nur eine technische Krücke für noch mehr Shopping bei Amazon darstellte. All das lässt mein Misstrauen gegenüber diesem «Internetgiganten» weiter wachsen. Und darum kommt der Tolino zum Zug. Ich bin Amazon-Kunde via Audible. Und damit soll es auch gut sein.

Footnotes

  1. Zum Nachschlagen gibt es Wörterbücher für Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch, Niederländisch und Spanisch, für die Übersetzung Englisch-Deutsch, Englisch-Italienisch, Französisch-Deutsch, Italienisch-Deutsch, Italienisch-Französisch, Italienisch-Spanisch, Niederländisch-Deutsch, Niederländisch-Französisch, Niederländisch-Norwegisch und Spanisch-Deutsch. ^top
  2. Falls es erlaubt ist, dieses Modewort an dieser Stelle doch einmal zu gebrauchen… ^top
  3. Im Menü unter Einstellungen bei Meine Konten und Tolino-Cloud > Bibliothek-Verknüpfung. ^top