Ein Podcast, den ich nicht lückenlos, sondern je nach Thema höre, ist Staatsbürgerkunde von Martin Fischer. Es geht, wie die Unterzeile verrät, um das Leben in der DDR. Martin Fischer, der mit seiner Familie 1989 aus der DDR ausgereist ist, spricht mit seinen Eltern über Leben und Alltag und über einzelne Themenkomplexe.

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Als ich es in den Osten Deutschlands geschafft hatte, war der neue Kleber schon drauf.

Die DDR ist ein spannendes Thema. Ich erinnere mich vage, noch als Teenager meinen zweiten oder dritten Artikel für den Landboten über die ostdeutsche Sängerin Barbara Thalheim geschrieben zu haben, die wegen ihres Namens in meiner ehemaligen Wohngemeinde Thalheim hätte auftreten wollen. Aus dem Konzert und der Idee des Interviews ist nichts geworden, weil die Sängerin nicht ausreisen durfte, was für mich als Jungjournalist eine verpasste Chance war.

In den Osten Deutschlands habe ich es dann erst kurz nach der Wende geschafft. Ich war damals mit Daniel und seinem alten Saab im Hinterland unterwegs, wo wir in manchen Orten eine Art Hoffnungsträger waren – wenn jetzt schon Touristen aus der Schweiz durchfahren, dann sind die blühenden Landschaften vielleicht doch nicht so weit? Ich habe auch noch ein paar verschwommene Bilder vor Augen, als wir auf einem Zeltplatz irgendwo in der Pampa weit und breit die einzigen Nichteinheimischen waren und zu fortgeschrittener Stunde diverse Lebensbeichten zu hören bekamen. Was er jetzt bloss tun sollte, meinte einer. Natürlich sei er in der Stasi gewesen… man brauche schliesslich irgend etwas zu tun. Aber diese Vergangenheit sei für das neue Leben im vereinigten Deutschland nicht gerade eine optimale Ausgangslage. Womit er sicherlich nicht ganz unrecht hatte. Es waren an dem Abend dann auch sehr viele der so genannten «Braunen» mit im Spiel. Ein Schnaps, der wohl noch Original-DDR war. Den Kater haben wir am nächsten Morgen jedenfalls mit unseren Gastgebern geteilt.

Kurz und gut, ich habe ab und zu den Podcast gehört, um nun endlich Details zu diesem «Braunen» zu erfahren – was bisher aber noch nicht gelungen ist. (Entweder habe ich die Folge verpasst oder das ostdeutsche Saufen ist noch nicht ausreichend gewürdigt worden.) Die Idee, mit Familienangehörigen über das Thema zu sprechen, ist einerseits nahe liegend, andererseits aber reichlich problematisch. Die Ausgrenzung des Familienlebens ist schwierig – wenn es ausgeklammert wird, verlieren die Gespräche an Authentizität. Wird es zu intensiv thematisiert, bin ich als Zuhörer peinlich berührt.

Falscher und richtiger (aber etwas komischer) Sprachgebrauch
Es gibt im Podcast auch ausserfamiliäre Interviews, und die höre ich gern. Empfehlenswert ist die 39. Folge zur Stasi-Aufarbeitung. Das mit dem Leiter des DDR-Museums Stefan Wolle. Er kommt beim Gespräch so in Fahrt, dass er ab der zweiten Hälfte auch alle Fragen noch selbst stellt. Gelungen ist auch die Folge 40 zu DDR-Sprech: Was war in sprachlicher Hinsicht typisch an den Verlautbarungen des Desinformationsapparats der DDR, etwa im Neues Deutschland, dem Zentralorgan der SED? Was war das Selbstverständnis der Zeitungsmacher in der DDR und wie konnte man sich durch falschen Sprachgebrauch im Studium in die Nesseln setzen?

Angehört habe ich mir auch die Folge 31 zur Volkspolizei. Da gibt ein ehemaliger Vopo Auskunft, der es bis zum Abschnittsbevollmächtigten geschafft hat – und entsprechend auf Staatslinie war. Er stellt seine Arbeit als ganz normaler Alltag dar uns sich als einer, der seinen Job gut, mit der richtigen Arbeitsmoral und mit einwandfreier Uniform gemacht und den Milchpulverdiebstahl aufgeklärt hat, und er beantwortete die vorsichtige Frage, ob er denn nie zwischen seinem Gewissen und der Ideologie des Landes, dessen Vertreter er war, entscheiden musste, dieses Dilemma sei ihm erspart geblieben. Das ist interessant für gut informierte Zuhörer – die bekommen vorgeführt, wie jeder doch in seiner eigenen Realität lebt, in der man vieles vor sich und der Welt rechtfertigen kann. Oder vielleicht fand er das politische System ganz okay; das ist mir nicht klar geworden. Ein paar harte Nachfragen oder eine Gegenposition von jemandem, der die Volkspolizei nicht so in guter Erinnerung hat, hätte dieser Folge gut getan.