In den nächsten Tagen wird die Facebook-Timeline für alle Nutzer eingeschaltet (siehe golem.de). Diese neue Facebook-Funktion heisst in Deutsch Chronik und sie ersetzt die herkömmliche Wall.

Wie viele andere von meiner Sorte, die sich nach der Ankündigung einer neuen Funktion einfach nicht gedulden können, habe ich die Chronik eingeschaltet, sobald das möglich war. Mir ist dann einmal aufgefallen, dass jede Menge alter Kram aufgetaucht ist. Natürlich war mir schon klar, dass nichts abhanden kommen würde, was ich jemals ins Facebook reingeschrieben habe (entsprechend ging mir die Empfehlung von techcrunch.com auch geschmeidig am Hinterteil vorbei). Trotzdem ist es erstaunlich, plötzlich wieder Föteli und Status-Updates von 2008 vor der Nase zu haben.

Man traut dem Zuckerberg halt nicht
Nicht erstaunlich ist hingegen, dass es Protest gegen die Timeline gab, prominent geäussert auf Facebook selbst. Natürlich, viele (zum Beispiel mashable.com trauen Zuckerberg einfach nicht über den Weg. Das Leben und das Leben im Netz sollen verschmolzen werden, meint zeit.de, und das klingt unheilvoll:

Total Recall, so hieß die Schreckensvision des österreichischen Juristen und Kommunikationsforschers Viktor Mayer-Schönberger. Die negative Utopie sei die Existenz eines Menschen, der sich an restlos alles erinnert, der all das zu besichtigen vermag, was hinter der soeben verronnenen Sekunde der Gegenwart liegt. Das Nicht-vergessen-Können lähme das Jetzt, es verhindere Entscheidungsmöglichkeiten und die Offenheit für Neues.

… heisst es im Artikel. Mal abgesehen davon, dass ich in meiner Timeline Beiträge sehr wohl bearbeiten oder entfernen kann (nämlich über die Schaltfläche Bearbeiten oder entfernen in der rechten oberen Ecke), mag ich diese Weltuntergangsrhetorik nicht teilen.

Wann, wo und warum denn bloss?
Ich gehöre leider nicht zu den Leuten, die ein Total Recall-Gedächtnis haben. Im Gegenteil. Ich bin ein zerstreut veranlagtes Individuum. Die Vergangenheit ist eine nebulöse Angelegenheit, bei der Ereignisse, Daten und Zeiten verschwimmen und ich leider nicht mehr genau weiss, wann ich was gemacht habe – oder warum. Das hat mir meine Digitalisierungsaktion neulich vor Augen geführt. Mein Bemühen, manche Bilder auch nur aufs Jahr genau zu datieren, war fast aussichtslos. Bei den meisten ist mir klar, wo ungefähr ich sie aufgenommen habe. Bei manchen aber auch nicht. Es gibt auch einige Bilder (wohl ungefähr 16 bis 18 Jahre alt), auf denen Leute zu sehen sind, die, nach so vielen Jahren, noch Emotionen wecken. Das heisst aber leider nicht, dass mir die dazu gehörenden Details noch einfallen würden.

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Besser als das Tagebuch.

Und das ist schade. Bei einigen Ereignissen habe ich mir die Mühe gemacht, ein Tagebuch zu führen. Das hilft der Erinnerung auf die Sprünge, ist aber auch mit einigen Qualen verbunden. Manche Betrachtungen, die damals sinnvoll und einleuchtend gewesen sein mögen, berühren einen heute hochnotpeinlich. Das ist das zweite Problem, nebst der Lückenhaftigkeit.

Privacy-Bedenken? Geschenkt
Mir gefällt die Chronik von Facebook jedenfalls – weil ich nun einmal kein fotografisches Gedächtnis habe. Ich kann mit ihrer Hilfe nachsehen, was ich wann gemacht habe. Das ist zwar ebenfalls reichlich lückenhaft, da natürlich längst nicht alle Ereignisse in Facebook ihren Niederschlag finden. Aber die Fotos und die Orte, bei denen man eincheckt, sind besser als nichts. Und ich finde es auch gut, dank den Spotify-Einträgen zu wissen, was ich wann für Musik gehört habe – und wenn da irgendwann auch die konsumierten Fernsehsendungen, Hörbücher, Filme, Podcasts und Youtube-Videos stehen, umso besser. Und ich finde es echt schade, dass diese Timeline bei mir nur bis ins Jahr 2008 zurückreicht.

Die Privacy-Bedenken? Geschenkt. Ganz viele digitale Spuren zu hinterlassen, ist allemal besser, als sie nicht zu hinterlassen und irgendwann spurlos verschwunden und vergessen zu sein.