Im Jahr 2001 habe ich folgenden denkwürdigen Satz geschrieben:

Solange es noch Wälder, Papierfabriken und Buchdruckereien gibt, sind E-Books etwas vom Überflüssigsten, was die Welt je gesehen hat. (Tagesanzeiger, 10.Dezember 2001, Seite 57)

Und jetzt ist tatsächlich der Kindle 3 mein Lieblingsgadget der Stunde. Ich könnte mich damit rausreden, dass es dozumals noch keine E-Ink gab und auch kein Whispernet, mit dem man Bücher innert weniger Sekunden lädt. Ich könnte auch meine Technikverliebtheit als Entschuldigung ins Feld führen. Oder behaupten, dass die damalige harsche Ablehnung von Journalisten die Entwicklung derart befeuert hat, dass wir heute die schönen E-Book-Reader überhaupt haben. Sprich: Dass der Kindle 3 eigentlich mein Verdienst ist. Das gibt einen schönen Titel für dieses Posting. Aber ich nehme an, die Mehrheit der Leser wird diesem raffinierten Argument nicht folgen.
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Jedenfalls habe ich nicht alle meine Argumente gegen die Ebooks auf dem Altar des Fortschritts geopfert. Dass elektronische Bücher ein DRM haben und Amazon ungefragt Titel vom Kindle löschen kann, finde ich stossend. Dass man Bücher nicht (oder nur sehr umständlich) ausleihen oder verschenken kann, ist ein Rückschritt. Das grösste Problem scheint mir aber die Koppelung von Gerät und Buchladen. Wenn ich elektronische Bücher via books.ch beziehen will, brauche ich eine Lesegerät von Sony und ein unsägliches Programm namens Adobe Digital Editions. Mit diesem kann man allerdings keine Bücher von Amazon lesen.
Amazon verwendet nicht das offene ePub-Format, sondern azw. Das allein müsste mir eigentlich sosehr ein Dorn im Auge sein, mich den Ebooks zu verweigern. Dabei könnte allein die Fülle an Ebook-Formaten einem den Spass verderben. Und gegen Amazon spricht auch, dass es noch immer nur englische Bücher gibt – völlig unverständlich, diese Ignoranz gegen anderen Weltsprachen, bei denen Deutsch immerhin auf dem gloriosen zehnten Rang figuriert.
Trotz allen diesen guten Argumenten gegen eine Ausgabe von 193.66 US-Dollar (inklusive Versand) habe ich mir nun den Kindle 3 angelacht. Beim Wettstreit Vernunft gegen Unbedingt-haben-Wollen verliert die Vernunft einfach immer, wie jeder Technikverliebte weiss.
Und, um auch diesen Umstand zu rationalisieren, bin ich der Meinung, dass man ewig wartet, wenn man erst einsteigt, wenn eine neue Technik perfekt ist. Wenn hingegen viele auf den Ebook-Zug aufspringen, wird auch der Druck zu mehr Offenheit und Interoperabilität verstärkt. Oder die Crack-Tools werden besser.
Was mich zum Kauf des Kindle bewogen hat, ist das Logistikproblem, das man mit Büchern hat. Ich bin nämlich nicht der Bibliotheksgänger. Obwohl die Winterthurer Stadtbibliothek nur zwanzig Sekunden von einem meiner Arbeitsorte weg ist, bin ich tatsächlich jemand, der Bücher lieber kauft. Das mag eine seltsame Ausprägung von Besitzdenken sein, oder eine neurotische Fixierung auf unberührte Bücher; oder vielleicht stört es mich einfach, dass die Bibliothek das Buch meiner Begierde immer grad ausgeliehen oder noch nicht angeschafft hat.
Jedenfalls will ich Bücher besitzen, aber sie nicht auf Bücherregale stellen und abstauben. Es ist absurd, was eine Buchsammlung für einen Aufwand macht. Man könnte zweimal pro Jahr ein Billy-Regal kaufen und zusammenschrauben, weil ich Ikea blöd und infantil finde. Man könnte die Bücher in den Keller runtertragen, verschenken oder irgendwo liegenlassen. Oder man könnte die Bücher verbrennen, was aber politisch heikel wäre.
Ich will Bücher aber behalten, ohne dass sie mir Platz wegnehmen. Und da ist das Ebook eben ideal. Meine Idealvorstellung ist nämlich tatsächlich, dass ich alle Medien digital besitze und in Gänze mit dabei habe. Es kann doch sein, dass mich in der S12 aufgrund einer nostalgischen Anwandlung die Lust packt, «Winnetou I» nochmals zu lesen. Gut, klar, dieses Erlebnis wäre noch intensiver, wenn ich das mit der Ausgabe meines Grossvaters tun könnte, der die heute begehrte Ausgabe in grünem Leinen, mit Golddruck und vergilbten Seiten hatte. Aber ehrlich, das wäre dann eine Sentimentalitäts-Overdose.
Meine Büchersammlung soll riesig, aber virtuell sein. Und mit dem Kindle 3 ist die Zeit gekommen, den Anfang zu machen.
Das Gerät ist klein, handlich und löst einen Jööö!-Effekt aus. Es hat nur etwa einen Drittel des Gewichts eines iPad. E-Ink ist viel angenehmer zu lesen, als ein LCD-Display. Und im Umgang mit den Büchern hat Amazon alles richtig gemacht. Bücher lassen sich sehr einfach kaufen und herunterladen – via WLAN oder weltweit drahtlos übers Mobilfunknetz (Whispernet).
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Bücherkauf ist so einfach, dass man es leicht aus Versehen tut.
Der Kindle 3 war ab Fabrik mit meinem Amazon-Benutzerkonto gekoppelt, sodass das Gerät wusste, dass ich auf einem älteren Modell (einem Testgerät) bereits Bücher gekauft hatte. Diese konnte ich über den Archiv-Menüpunkt mit zwei Tastendrucken herunterladen. So einfach will ich das haben – und nicht so umständlich wie mit Adobe Digital Editions, wo man ewig lang Computer und Geräte autorisiert, um dann die Epub-Datei manuell auf den Reader zu verschieben. Beim Sony-Reader ist allein die Anleitung zur Übertragung von Büchern 17 Seiten lang. Sorry, aber ich will mein Buch lesen – nicht das E-Reader-Handbuch! (#epicfail)
Fazit: Für mich ist der Kindle 3 das wahre iPad – das ich bislang nicht gekauft habe und vorerst wirklich nicht brauche. Ein «single purpose device» ist die bessere Wahl als ein Gerät wie das iPad, das zwar viel mehr kann, aber nichts so gut, das ich es nicht mit dem iPhone oder dem Macbook erledigen könnte. Und ich finde es hervorragend, dass das iPad den Kindle 3 nicht verdrängt, sondern beflügelt hat. Auch wenn mit diesem Erfolg der Umbruch in der Buch- und Verlagsbranche erst so richtig beginnen wird und das Ende offen ist. Aus Sicht des Lesers kann es nur besser werden. Wie bei der Musik, wo ich dank Downloads heute an Musik herankomme, die in keinem Plattenladen zu finden gewesen wären, erwarte ich in fünf Jahren ein Angebot an Büchern, wie es noch keiner Lesergeneration zur Verfügung stand.