Gerade lese ich den Blog-Post von @dworni, der ein Twitter-Avatar-Rating durchgeführt hat. Er gibt gute Tipps, wie man sich auf seinem Föteli in ein gutes Licht rückt und hat auch drei Listen mit guten, netten und ganz schlimmen Avataren (oder Avatars? Avatäre?) anzubieten.
Das ist eine lustige Idee, die gleichzeitig einige Fragen aufwirft. Zum Beispiel die: Haben eitle Leute auch eitle Avatare? Oder: Wird man nun nicht mal mehr im Internet davon verschont, an seiner äusseren Erscheinung gemessen zu werden? Und wann gibt es die Wahl der Miss Avatar und wie kriegt man den Bikini-Auftritt anständig auf den Thumbnail?
Gut, jetzt wird jemand einwerfen, das sei beim obligaten Föteli-Tausch beim Chatten oder bei chatroulette schon vorher der Fall gewesen, aber lassen wir das mal ausser acht. Und wenden wir uns dem Zielkonflikt zu, der sich hier auftut. Es treffen folgende, unvereinbare Ansprüche gegenüber den sozialen Netzen aufeinander:
1. Man machts im Web wie im richtigen Leben, aber per Computer. Das Internet ist der Vermittlungskanal, der der zwar seine eigenen Gesetze hat, aber den Umgang nicht wesentlich verändert. Und man adaptiert die gleichen Regeln, die auch IRL gesellschaftlicher Konsens sind.
2. Das Web ist eine Gegenwelt. Ich bin der, der ich sein will. Und als Teilnehmer manipuliert man die virtuelle Realität nach Gutdünken.
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Die Forderung nach einem properen Avatar ist natürlich Ausdruck der Haltung Numero eins. Wer auf die Strasse geht, zieht gefälligst eine Hose an, wäscht sich das Gesicht, kämmt sich die Haare und legt im Umgang mit den Mitmenschen eine konstruktive Haltung an den Tag. Der Avatar ist dann das Passbild, wobei ich im Unterschied zu diesem Föteli immerhin das Recht auf ein Lächeln habe.
Neige ich nun eher der zweiten Weltanschauung zu, dann habe ich einen abgefahrenen Superhelden-Avatar oder treibe sonstwie ein Spiel mit meiner Identität. Ich verzerre meine reale Erscheinung, verfremde sie, oder bringe zum Ausdruck, dass meine physische Erscheinung in Twitter und anderswo gefälligst keine Rolle zu spielen hat.
Stellt sich die Frage, welche der beiden Haltungen die richtige ist.
Ich schätze es, wenn ich weiss, mit wem ich es zu tun habe. Und natürlich ist ein aussagekräftiger Avatar hilfreich. Es ist auch ein Zeichen, dass das Internet erwachsen wird. Virtuelle Verkleidungsspiele im Web wirken irgendwann mal kindisch, wenn man sie immer noch mit der gleichen Faszination betreibt wie vor zehn Jahren, wo man geschnallt hat, dass man sich in einen Chatroom auch als Frau einloggen kann.
Auf der anderen Seite: Geht nicht viel verloren, wenn wir auch im Internet die braven, folgsamen, pünktlich Steuern zahlenden, alten Damen über die Strasse helfenden Bürger sind, die wir schon im richtigen Leben sind?
Sollten wir uns diesen Hort der Anarchie nicht erhalten? Der Begriff «Avatar» spricht meines Erachtens dafür, dass die Antwort ja ist. Etwas Fantasie, ziviler digitaler Ungehorsam und mehr Frechheit, als wir es uns IRL gestatten, ist nötig und wichtig.
Kurz: Man darf und soll zwischen den (oben als unvereinbar bezeichneten) Extrempositionen oszillieren. Ein bisschen bipolar hat noch keinem geschadet. Im Internet sowieso nicht.
Ich wäre aber auch dafür zu haben:
Wir verkehren die Sache in ihr Gegenteil. Das Internet nehmen wir ab sofort so ernst wie das den Marschbefehl vom EMD, pardon VBS, das Couvert mit den Abstimmungsunterlagen und unsere gesammelten Kumulus-Punkte.
Dafür führen wir uns in der Öffentlichkeit so auf wie sonst nur auf Twitter, wenn uns grad der Hafer sticht. Könnte sehr interessant werden.